Ziel dieser Arbeit ist die Entwicklung eines Vorschlags zur Rekonstruktion der ursprünglichen Zahlen zur Heeresgröße Israels bei Exodus und Landnahme, der auch bei den Zahlen auf Stammesebene zu plausiblen Ergebnissen führt. Darüber hinaus soll dieser Vorschlag auch die Entstehung der überhöhten Zahlen in den weiteren Büchern des AT bis in die Königszeit erklären und eine realistische Neubewertung ermöglichen. Dabei behalte ich die drei Grund-Annahmen Zerbsts (s.o.) im Wesentlichen bei, modifiziere sie aber wie nachfolgend dargestellt. Zunächst möchte ich aber zum besseren Verständnis einige Eigentümlichkeiten der hebräischen Schrift kurz erläutern.

Die hebräische Schrift wird von rechts nach links geschrieben. Sie war ursprünglich eine reine Konsonantenschrift. Die Vokale wurden durch die mündlich überlieferte Aussprache weitergegeben. Damit waren unterschiedlich ausgesprochene Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung, die aber gleiche Konsonanten hatten, im geschriebenen Text nicht unterscheidbar. Erst etwa ab 600 n.Chr. entwickelten jüdische Schriftgelehrte, die Masoreten, mit der Punktierung ein Verfahren, mit dem die Vokale und Betonungszeichen schriftlich ergänzt werden konnten, um auch die korrekte Überlieferung der Aussprache sicherzustellen.1 Als ursprünglicher von Gott inspirierter Text galten daher nur die Konsonanten. Bei der traditionellen deutschen Umschrift werden daher nur die Konsonanten wiedergegeben. Dem folgt auch Zerbst, der für אלף nur die Konsonanten (‘lp) angibt. Da in den nachfolgenden Untersuchungen verschiedener hebräischer Wörter auch die Vokalisation von Interesse ist, verwende ich in dieser Arbeit nicht die traditionelle Umschrift der hebräischen Konsonanten, sondern immer die hebräischen Schriftzeichen mit Punktierung.

Um die Deutungsprobleme auch für Leser ohne Hebräisch-Kenntnisse nachvollziehbar zu machen, gebe ich zusätzlich in Klammern eine von F.H. BAADER entwickelte deutsche Umschrift2 an, die auch die Vokale berücksichtigt (siehe Anlage 1a). Dabei stehen Großbuchstaben für hebräische Konsonanten. Wenn Vokale im AT-Text durch Konsonanten (Matres Lektionis) dargestellt werden, stehen ebenfalls Großbuchstaben, z.B. ein großes „I“ bei Darstellung des Vokals „i“ durch den Konsonanten „י (JOD)“ bzw. „U“ oder „O“ für „ ו (WaW)“ (siehe auch 6.2.1 und 7.3.1.1). Die nur durch Punktierung dargestellten Vokale werden als Kleinbuchstaben wiedergegeben.3 Für das hebräische Wort für „Tausend“, das אֶלֶף lautet, ergibt sich damit die Umschrift ÄLäPh.4 Im hebräischen Grundtext werden die Zahl 2.000 durch die Dualform  אַלְפַּיִם (ALPaJiM) und die Zahlen von 3.000 bis 10.000 i.d.R. durch die Mehrzahlform אֲלָפִים (ALaPhIM) mit dem entsprechenden Zahlwort von „drei“ bis „zehn“ ausgedrückt. Die beiden Formen sind konsonantengleich. Daneben kommt selten auch der Plural in der Constructus-Form  אַלְפֵי(ALPHeJ) vor. Erst ab 11.000 wird wie für 1.000 die Singularform אֶלֶף (ÄLäPh) mit entsprechenden Zahlwörtern verwendet. Aus Vereinfachungsgründen verwende ich im folgenden Text für alle diese Formen i.d.R. die Singularform und verzichte darauf, jedes Mal die hebräischen Schriftzeichen anzugeben. Stattdessen verwende ich i.d.R. nur die Umschrift „ÄLäPh“ in Fettdruck. Bei Zahlen im Tausenderbereich, die im hebräischen Grundtext aus verschiedenen Zahlwörtern zusammengesetzt wurden, verwende ich für die übrigen Zahlwörter die uns vertrauten arabischen Ziffern, z.B. 1 ÄLäPh 500 (= 1.500).

Von folgenden Grundannahmen gehe ich aus:

    1. Das heute in den Grundtexten stehende hebräische Wort אֶלֶף (ÄLäPh) hat einerseits die Bedeutung „Tausend“. Mit dieser Bedeutung wurde es auch schon zur Zeit Moses verwendet.
    2. Daneben gab es damals für die Konsonantenfolge אלף (° L P) die weitere Bedeutung „Einheit“ oder „Gruppe“, die auch eine Aussage über eine bestimmte Größenordnung beinhaltete. Je nach Kontext konnten aber stark unterschiedliche Größenordnungen gemeint sein. Das Wissen um diese Bedeutung ging im Laufe der Zeit verloren, so dass diese Vorkommen von אלף (° L P) mit dem in Grund-Annahme 1) genannten Wort gleichgesetzt wurden und bis heute als „Tausend“ interpretiert werden. Dadurch ergeben sich die weit überhöhten Zahlen.
    3. Die in den Zensus-Listen in 4Mose 1 bis 4Mose 2 und 4Mose 26 heute vorliegenden Zahlen (und auch noch einige weitere bis in die Richterzeit) bestanden ursprünglich aus zwei Teilzahlen. Die erste Zahl gab die Anzahl der Gruppen bzw. Einheiten wieder, die zweite die Anzahl der in den Einheiten insgesamt enthaltenen Männer, z.B. 45 ÄLäPh וְ (Wö = mit) 1 ÄLäPh 500 (= 45 Einheiten mit 1.500) Mann in 4Mose 1,21. Der Buchstabe ו (WaW), der ursprünglich zwischen den beiden ALäPh-Angaben stand, hatte in diesem Zusammenhang die einschließende Bedeutung „mit“ und nicht die Bedeutung „und“ wie bei der Verbindung der einzelnen Zahlwörter von zusammengesetzten Zahlen.5 Bei einer späteren Revision der Texte, nachdem die Bedeutung „Einheit“ oder „Gruppe“ in Vergessenheit geraten war, wurden die ursprünglich für Einheiten stehenden Vorkommen von אלף (° L P) als Tausender interpretiert und mit den Mann-Zahlen zu einer großen Zahl zusammengefasst. Im Beispiel hätten sich dadurch 46 ÄLäPh 500 und somit statt 1.500 die heute vorliegenden 46.500 Männer ergeben. In ähnlicher Weise müssen auch bei den Angaben zu den Leviten in 4Mose 3 bis 4Mose 4 und 4Mose 26 unterschiedliche Kategorien zusammengefasst und als Tausender bewertet worden sein.

Wenn aus dem Kontext geklärt werden könnte, welche ÄLäPh nicht als „Tausend" sondern als „Einheit“ oder „Gruppe“ zu verstehen sind und wie groß diese Gruppe jeweils ist, wäre bei den Fällen nach Grund-Annahme 2) eine Ermittlung der richtigen Zahlen durch korrekte Übersetzung aus dem heute vorliegenden Grundtext möglich. Ein Beispiel dafür habe ich in Abschnitt 10.4ff für die Berichte über Davids Kriege gegen die Aramäer in 2Sam 8 und 2Sam 10 dargestellt. Bei den dort vorkommenden ÄLäPh ist eine Kontrolle, ob die vorgeschlagene Deutung korrekt ist, durch die Parallelberichte in 1Chr 18 und 1Chr 19 möglich. So lassen sich in meinem Deutungsvorschlag durch eine andere Übersetzung der ÄLäPh die bei der traditionellen Übersetzung bestehenden gravierenden Widersprüche zwischen beiden Berichten vollständig auflösen und es ergibt sich außerdem eine plausiblere Größenordnung bei den angegebenen Mann-Zahlen.

Für die Fälle der Grund-Annahme 3) gilt in meinem Modell das im vorausgehenden Abschnitt für ZERBSTS Modell dargestellte Beispiel mit den fünf möglichen Rekonstruktionen 100, 1.100, 2.100, 3.100 und 4.100 für die heute vorliegende Angabe „4 ÄLäPh 100“ gleicherweise. In diesen Fällen ist eine Entschlüsselung wesentlich schwieriger, da der ursprüngliche Grundtext nicht mehr vorliegt. Dieser muss also zuerst aus dem Kontext rekonstruiert werden. Zudem muss vorab geklärt werden, ob ein Fall nach Grund-Annahme 2) oder 3) vorliegt. Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass für die Rekonstruktion der ursprünglichen Zahlen aus den heute vorliegenden Angaben im AT in meinem Modell ausschließlich Informationen aus dem biblischen Kontext herangezogen werden, so dass nicht angenommen werden muss, dass die alttestamentlichen Geschichtsberichte außerbiblische Informationen zu ihrer Korrektur benötigen. Aber weil sicher viele Christen auch mit der Notwendigkeit einer solchen „internen“ Korrektur noch ihre Schwierigkeiten haben, sind an dieser Stelle einige grundsätzliche Aussagen zu der Frage nach Überlieferungsfehlern und Widersprüchen in den geschichtlichen Texten des Alten Testaments erforderlich.

  • 1 Vgl. Stichwort „Masora, Masoreten“ in: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, Url: https://www.bibelwissenschaft.de/startseite/wissenschaftliche-bibelausgaben/biblia-hebraica/masora/ (Aufruf: 21.08.2019)

    2 Vgl. F.-H. Baader: DIE HEBRÄISCHEN SCHRIFTZEICHEN UND IHRE UMSCHRIFT. In: Die Geschriebene des Alten Bundes. DaBhaR-Übersetzung aus dem Masoretischen Text. 4., überarb. Gesamtausgabe. Schömberg: Selbstverlag 2007, S. 1065

    3 Eine Unterscheidung zwischen langen, kurzen und flüchtigen Vokalen bzw. eine Darstellung des Dagesch forte erfolgen nicht. Das flüchtige sehr kurz auszusprechende Schwa Mobile wird – für Hebräisch-Kenner vielleicht etwas ungewohnt – mit „ö“ dargestellt. Das „א (ALäPh)“ wird, wenn es nicht mit einem Vokal versehen ist als „°“ dargestellt, bei Punktierung mit einem Vokal wie folgt: A, Ä, E, I̊, O̊, Ů. Die Buchstaben „I“, „O“ und „U“ werden mit einem ALäPh-Kringel gekennzeichnet, damit sie von „י (JOD)“ = „I“ bzw. „ ו (WaW)“ = „O“ oder „U“ unterschieden werden können. Das „ע (ÃJiN)“ wird, wenn es nicht mit einem Vokal versehen ist als „~“ dargestellt, bei Punktierung mit einem Vokal wie folgt: Ã, Ẽ, Ĩ, Õ, U͂, Ä͂. Zur Darstellung des „א (ALäPh)“ und des „ע (ÃJiN)“ siehe auch Anlage 1a unten.

    4 Die Konsonanten „א“ (ALäPh) und „ל“ (LaMäD) sind hier jeweils mit „ֶ   “ (ä) punktiert. Das kleine „h“ hinter dem „P“ deutet die Aussprache des Konsonanten „ף“ (Pe°) an dieser Stelle als „F“ an.

    5 Vgl. W. Gesenius: Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. 18. Auflage, Berlin Heidelberg: Springer 2013, S. 288f,  וְ(Wö): „I. einzelne Wörter verbindend 1. Kopulativ […] 3. einschließend, i.S.v. mit, samt, begleitet von“, Gesenius führt unter I. neun verschiedene Bedeutungen auf, daneben unter II. weitere, die zur Verbindung von Sätzen verwendet werden.