In Micha 5,1 kommt in den heute vorliegenden punktierten hebräischen Texten das Wort ÄLäPh in der Plural-Constructus-Form אַלְפֵי (ALPheJ) vor. Auch bei der Constructus-Form sind die Konsonanten von ÄLäPh und der kurzen Form von ALuPh gleich:

1 Und du, Bethlehem Efrata, das du klein unter den Tausendschaften von Juda bist1, aus dir wird mir ⟨der⟩ hervorgehen, der Herrscher über Israel sein soll; und seine Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her.  
 

  1 Andere üs.: Bethlehem Efrata, zu klein, um unter den Geschlechtern Judas zu sein

Die Plural-Constructus-Form von ÄLäPh wird hier in der Elberfelder 2006 mit „Tausendschaften“ übersetzt. Laut Fußnote übersetzen andere mit „Geschlechter“. Beides sind Übersetzungen im Sinne der seltenen Bedeutung „(wehrfähige Männer einer) Sippe“ wie sie in Ri 6,15 bei Gideon vorkommt (siehe ‎4.5.4). Die Schlachter 2000 übersetzt mit „Hauptorte“, was eine Anpassung an den Kontext „Bethlehem“ ist, der von dem zugrundliegenden hebräischen Wort ÄLäPh nicht gedeckt ist. Dieser Vers wird im Neuen Testament in Mt 2,6 zitiert:

6 »Und du, Bethlehem, Land Juda, bist keineswegs die geringste unter den Fürsten Judas, denn aus dir wird ein Führer hervorkommen, der mein Volk Israel hüten wird.«

Das Wort ÄLäPh aus Mi 5,1 wird im Zitat in Mt 2,6 mit dem griechischen Wort ἡγεμών (hegemon) wiedergegeben, welches die Elberfelder mit „Fürst“ wiedergibt. Die Schlachter 2000 und die Zürcher Bibel übersetzen dagegen mit „Fürstenstädten“ – ebenfalls eine Anpassung an den Kontext „Bethlehem“, die vom zugrundeliegenden griechischen Wort ἡγεμών (hegemon) nicht gedeckt ist. Dieses griechische Wort wird im NT an weiteren 19 Stellen jeweils für unterschiedliche Führungspersonen verwendet, davon neunmal für den Prokurator Pilatus.1

Deshalb ist die Annahme naheliegend, dass das dem Wort ἡγεμών (hegemon) im Zitat in Mt 2,6 zugrundeliegende Wort im hebräischen Bezugstext in Mi 5,1 ebenfalls irgendwelche Führungspersonen meinte. Wenn dort im ursprünglichen Konsonantentext die Konsonanten אלפי (°LPJ) eigentlich für die Constructus-Form אַלֻּפֵי (ALuPheJ) der kurzen Schreibweise des Wortes ALuPh standen, so käme man zu der Übersetzung „Sippenoberhaupt“ oder „Anführer“. Falls ALuPh im Sinne von Sippenoberhaupt gemeint war, könnte man annehmen, dass der Stamm Juda einen Ältestenrat hatte, in den alle größeren Städte Judas eines ihrer Sippenoberhäupter als Abgeordneten entsenden durften, während Bethlehem zu klein für einen eigenen Abgeordneten war. Alternativ – bei Übersetzung von ALuPh mit „Anführer“ – wäre denkbar, dass die größeren Städte Judas jeweils einen der höherrangigen Anführer im Heer Judas stellen durften, was für Bethlehem wegen seiner geringen Größe nicht galt. Diese beiden Vorschläge entsprechen sinngemäß der Verwendung von ALuPh in Sach 9,7 und Sach 12,5+6 (siehe ‎7.3.1.2). Für die Punktierung als ALuPh wären also zwei plausible Deutungen möglich, die auch mit dem Zitat in Mt 2,6 vereinbar sind.

Für die im heute vorliegenden punktierten Text enthaltene Punktierung als Plural-Constructus-Form אַלְפֵי (ALPheJ) von ÄLäPh passt dagegen weder die Bedeutung „Tausend“ noch die seltene Bedeutung „(wehrfähige Männer einer) Sippe“ (in der Elberfelder mit „Tausendschaften“ und in der Schlachter 2000 mit „Geschlechter“ übersetzt) noch die in dieser Ausarbeitung vorgeschlagene Bedeutungsvariante „Gruppe“ oder „(Zähl-) Einheit“ zu dem Zitat in Mt 2,6. Deshalb gehe ich davon aus, dass hier eine falsche Punktierung als Constructus-Form von ÄLäPh durch die Masoreten vorliegt und ursprünglich die konsonantengleiche Constructus-Form von ALuPh gemeint war. Dass diese Möglichkeit von einigen Auslegern in Erwägung gezogen wurde, erwähnt auch Gerhard Maier in seinem Kommentar zu Mt 2,6.2 Der Text von Mi 5,1a könnte dann wie folgt übersetzt werden: 

1 Und du, Bethlehem Efrata, das du klein unter den Sippenoberhäuptern von Juda bist, aus dir wird mir ⟨der⟩ hervorgehen, der Herrscher über Israel sein soll; …

Für diese alternative Interpretation des Textes muss kein Eingriff in den ursprünglichen Konsonantentext durch einen Revisor angenommen werden. Es wäre lediglich eine falsche Punktierung durch die Masoreten zu korrigieren. Denkbar ist aber, dass die der falschen Punktierung zugrundeliegende falsche Aussprachetradition schon im Zusammenhang mit der umfassenden Textrevision in der Zeit Esras entstanden ist. Dieses Beispiel bestätigt die Verwechslungsgefahr für ALuPh und ÄLäPh.

  • 1 Vorkommen des griechischen Wortes ἡγεμών (hegemon) für Pilatus: Mt 27,2+11+14+15+21+27; Mt 28,14; Lk 20,20; weitere Vorkommen: Mt 2,6; Mk 13,9; Lk 21,12; Apg 23,24+26+33; Apg 24,1+10; Apg 26,30; 1Petr 2,14

    2 Gerhard Maier: Das Evangelium des Matthäus. Kapitel 1-14. Hg. von Ders. und Rainer Riesner, Heinz-Werner Neudorfer, Eckhard J. Schnabel. Witten; Giessen: SCM R. Brockhau; Brunnenverlag 2015 (Reihe: Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament), S. 102