In 1Mose 15,13-14 (zit. in Apg 7,6-7) wird Abraham noch vor der Geburt seiner Söhne von Jahwe Folgendes angekündigt:
13 … Du sollst mit Gewissheit wissen, dass dein Same ein Fremdling sein wird in einem Land, das ihm nicht gehört; und man wird sie dort zu Knechten machen und demütigen 400 Jahre lang. 14 Aber auch das Volk, dem sie dienen müssen, will ich richten; und danach sollen sie mit großer Habe ausziehen. (Schlachter 2000)
Die Nachkommen Abrahams werden 400 Jahre lang Fremdlinge sein, zu Knechten gemacht und gedemütigt. Die Unterdrücker werden jedoch gerichtet und die Nachkommen Abrahams entschädigt. Aus Vers 14 ergibt sich, dass diese Frist ebenfalls mit dem Auszug aus Ägypten endet. Bei Zugrundelegung der in Abschnitt 5.1.1 dargestellten Auslegung von 2Mose 12,40 und Gal 3,16-17, nach der die 430-Jahres-Frist beim Einzug Abrahams in Kanaan anfängt, beginnt die 400-Jahres-Frist als Abraham 30 Jahre im Land Kanaan war. Zu diesem Zeitpunkt war der ihm verheißene Same, sein Sohn Isaak, gerade fünf Jahre alt. Ich gehe davon aus, dass in diesem Alter das Entwöhnungsfest für Isaak stattfand, bei dem er von seinem älteren Halbbruder Ismael verspottet wurde. Aufgrund dieses Geschehens forderte Isaaks Mutter Sarah die sofortige Vertreibung Ismaels (1Mose 21,8-10). Daraus schließe ich, dass es sich nicht nur um einen harmlosen Scherz des 19-jährigen Ismael (1Mose 16,16; 1Mose 21,5) handelte, sondern dass Sarah um das Wohlergehen ihres Sohnes fürchtete. Die von ihr genannte Begründung, dass er nicht mit ihrem Sohn erben sollte, hätte jedenfalls keine sofortige Vertreibung erfordert. Meine Schlussfolgerung wird durch die Aussage in Gal 4,28-30 bestätigt, dass Ismael Isaak verfolgte. Ismael setzte damit den Anfang der Demütigung des Samens Abrahams.1 Als Fremdling im Land Kanaan war Isaak auch weiterhin immer wieder Demütigungen und Bedrängnissen ausgesetzt, wie es seine Sorge, er könne wegen der Schönheit Rebekkas umgebracht werden (1Mose 26,7), und der Brunnenstreit (1Mose 26,14-22) zeigen.
Jakob musste sogar vor seinem eigenen Bruder fliehen (1Mose 27,41-43). Von seinem Onkel Laban wurde er betrogen (1Mose 29,25) und diente diesem trotzdem 20 Jahre lang mit all seiner Kraft (1Mose 31,6+38). Als Ausgleich sorgte Gott dafür, dass sich in den letzten sechs Jahren seines Dienstes immer die Tiere, die Jakob als Lohn versprochen waren, besonders stark vermehrten, sodass der Reichtum Labans nach und nach auf Jakob überging (1Mose 31,7-9). Nach seiner erneuten Flucht wurde er von Laban verfolgt, dieser aber im Traum von Gott gewarnt, Jakob etwas Böses zu tun (1Mose 31,22-24). Kurz darauf wurde er von dem entgegenkommenden Heer seines Bruders Esau in Furcht versetzt (1Mose 32,8-9). Jakob wurde sowohl von Esau als auch von Laban gedemütigt, kehrte aber am Ende als überaus reicher Mann nach Kanaan zurück.
Jakobs Tochter Dina wurde einige Jahre nach der Rückkehr Jakobs nach Kanaan von Sichem Gewalt angetan (1Mose 34,2). Das mit „Gewalt antun“ übersetzte hebräische Wort עָנָה (ÃNaH, hier Piel-Form: עִנָּה ĨNaH) ist dasselbe, wie das in 1Mose 15,13 mit „demütigen“ übersetzte Wort.2 Dina wurde also gedemütigt und anschließend von ihren Brüdern gerächt. Das Eigentum der Einwohner Sichems diente der Familie Jakobs als Sühne für die Entehrung Dinas (1Mose 34,25-29). Auch Josef wurde durch sein Verkauft-Werden als Sklave und später im Gefängnis gedemütigt, ehe er seine Herrscher-Stellung erreichte und damit mehr als entschädigt wurde.
Am Ende wurde das ganze Volk von den Ägyptern versklavt und zu Zwangsarbeit herangezogen. Diese wurden durch die zehn Plagen, die im Tod aller Erstgeborenen gipfelten, sowie den Untergang des ägyptischen Heeres gerichtet (2Mose 12,29-30; 2Mose 14,28). Die Israeliten wurden durch die Gaben der Ägypter entschädigt (2Mose 12,35-36).
Das Leben als Fremdling und die Demütigung des Samens begannen somit, als Isaak den besonderen Schutzbereich des Kleinkindes bei seiner Mutter verließ, um die Ausbildung bei seinem Vater anzutreten, und endete 400 Jahre später mit dem Exodus. Interessant ist, dass auch bei den Unterdrückungsbeispielen vor Israels Versklavung in Ägypten die betroffenen Nachkommen Abrahams am Ende befreit und gerächt bzw. entschädigt wurden. Die Beispiele von Jakob bei Laban, Dina in Sichem und Josef in Ägypten sind erstaunlich ähnliche Vorschattungen des Geschehens am Volk Israel in Ägypten. So durchzieht die Abfolge von Dienst und Demütigung mit anschließender Befreiung bzw. Gericht an den Unterdrückern und Entschädigung die gesamten 400 Jahre ab dem Entwöhnungsfest Isaaks im Alter von fünf Jahren. Ebenso gilt für die gesamten 400 Jahre, dass die Nachkommen Abrahams Fremdlinge in einem Land waren, das ihnen nicht gehörte. Dies traf auf Jakob in Haran bei Laban, Josef in Ägypten und generell auf alle in Kanaan lebenden Nachkommen zu, da ihnen auch dieses Land damals noch nicht gehörte.