Wenn die Zahlen in 2Sam 24,9 die reduzierten Zahlen nach der Seuche sind, stellt sich die Frage, warum die Zahlen bei Juda hier höher sind als in 1Chr 21,5. Dies kann daran liegen, dass – entsprechend der in Abschnitt 9.5.3 aufgestellten dritten These – die nachträglich erhobenen Zahlen Benjamins hinzuaddiert wurden. Auch diese Annahme soll durch biblische Hinweise erhärtet werden.
Als Salomo alt geworden war, verführten ihn seine auswärtigen Frauen zum Götzendienst. Jahwe kündigte ihm deshalb gegen Ende seiner Regierungszeit an, dass das ganze Königreich bis auf einen Stamm von seinem Sohn weggerissen werden wird (1Kön 11,4+11-13). Parallel dazu spricht der Prophet Ahija zu Jerobeam und verheißt ihm die Regierung über zehn Stämme Israels. Ich zitiere dazu 1Kön 11,30-32:
30 da fasste Ahija den neuen Mantel, den er anhatte, und zerriss ihn in zwölf Stücke, 31 und er sagte zu Jerobeam: Nimm dir zehn Stücke! Denn so spricht der HERR, der Gott Israels: Siehe, ich will das Königreich aus der Hand Salomos reißen und will dir die zehn Stämme geben. – 32 Aber der eine Stamm soll ihm ⟨weiterhin⟩ gehören wegen meines Knechtes David und Jerusalems wegen, der Stadt, die ich erwählt habe aus allen Stämmen Israels. –
Ahija veranschaulicht seine Verheißung, indem er seinen Mantel in zwölf Lappen zerreißt und Jerobeam auffordert, sich zehn Lappen davon zu nehmen. Er ergänzt, dass dem Salomo nur ein Stamm gelassen wird. Hier werden also zwei Stämme als einer bezeichnet. Über die Erfüllung dieser Verheißung berichtet 1Kön 12,20-21:
20 Und es geschah, als ganz Israel hörte, dass Jerobeam zurückgekehrt war, da sandten sie hin und ließen ihn zur Gemeinde rufen und machten ihn zum König über ganz Israel. Niemand folgte dem Haus David außer dem Stamm Juda allein. 21 Und Rehabeam kam nach Jerusalem und versammelte das ganze Haus Juda und den Stamm Benjamin, 180 000 auserlesene Krieger, um mit dem Haus Israel zu kämpfen und ⟨so⟩ das Königtum an Rehabeam, den Sohn Salomos, zurückzubringen.
Obwohl nur der Stamm Juda allein dem Haus David folgte, stellte König Rehabeam aus Juda und Benjamin ein Heer von 180 ÄLäPh auserlesenen Kriegern zusammen, um gegen Israel Krieg zu führen (1Kön 12,20-21). Somit lässt sich nachweisen, dass die beiden Stämme spätestens am Ende von Salomos Regierungszeit als ein Stamm gezählt wurden. Gleichzeitig wird durch die Zuordnung von zehn Stämmen zum Nordreich meine Aussage in Abschnitt 4.5.2 bestätigt, dass der Stamm Simeon aus seinem Erbteil im Süden Judas (Jos 19,1-9; Ri 1,3+17) vertrieben worden war und sich im Bereich der Nordstämme angesiedelt hatte (1Mose 49,5-7; 2Chr 15,9) – ebenso wie Teile des Stammes Dan, die ihr zugelostes Land im Süden ebenfalls nicht vollständig erobern konnten und deshalb nach Norden zogen (Jos 19,47; Ri 19,1). Die Neubewertung der in Vers 21 genannten Anzahl der Krieger erfolgt in Abschnitt 9.6.1.1.
Als David in Hebron zum König gekrönt wurde, regierte er zunächst nur über den Stamm Juda (2Sam 2,3-4). Aus den anderen Stämmen schlossen sich ihm jedoch mehr als 21.000 zum Heeresdienst gerüstete Männer an, um ihm das Königreich Sauls zuzuwenden (siehe 9.3.5.1). Von den Benjaminitern, den Stammesgenossen Sauls, kam allerdings nur ein kleines Kontingent von 150 Mann. „Aber der größte Teil von ihnen hielt bis dahin noch treu zum Hause Sauls“ (1Chr 12,30). Abner, der Onkel und Heerführer Sauls (1Sam 14,50), machte dessen Sohn Isch-Boschet zum Gegenkönig über die übrigen Stämme Israels mit Sitz in Mahanajim im Gebiet Gilead östlich des Jordans (2Sam 2,8-9). David zeigte jedoch durch viele Maßnahmen, dass er dem Haus Sauls nicht feindlich gesinnt war und eine Versöhnung anstrebte:
- Davids Klage über den Tod Sauls und Jonatans (2Sam 1,11-12+17-27)
- Bestrafung des Mannes, der behauptete, Saul getötet zu haben (2Sam 1,10+14-15)
- Wiederannahme seiner Ehefrau Michal, der Tochter Sauls (2Sam 3,13-15)
- Bund mit Abner, der David ganz Israel zuführen wollte (2Sam 3,11-13+20-21)
- Davids Fluch gegen Joab, den Mörder Abners, und seine Klage an Abners Grab, wodurch ganz Israel erkannte, dass David an dessen Ermordung schuldlos war (2Sam 3,28-37)
- Bestrafung der Mörder des Gegenkönigs Isch-Boschet (2Sam 4,6-8+11-12)
- Aufnahme Mefi-Boschets, des Sohnes des Kronprinzen Jonatan und damit nominellen Thronerben des Hauses Saul, an seinen Tisch wie einen seiner Söhne sowie Rückgabe der Ländereien Sauls an ihn (2Sam 9,1+6-7+11)
Durch seine freundliche Haltung gegenüber der Familie Sauls gewann David deren Anhänger für sich. Auch viel später, als er vor Absalom floh und der Benjaminiter Schimi ihn verfluchte, hinderte David Abischai daran, Schimi zu töten (2Sam 16,5-13). Bei seiner Rückkehr von Mahanajim nach dem Sieg über Absalom kam Juda ihm bis Gilgal entgegen, um ihn nach Jerusalem zurückzubringen. Mit ihnen kamen Schimi und 1 ÄLäPh (2Sam 19,18; vermutlich 50) Mann aus Benjamin, die ihm bis über den Jordan entgegengingen. Dort bat Schimi um Vergebung, und David schwor ihm, ihn nicht zu töten (2Sam 19,16-24). Danach wurde David von Juda über den Jordan zurückgeführt (2Sam 19,41). Die Männer Israels warfen Juda daraufhin vor, den König gestohlen zu haben, weil sie ihn allein über den Jordan geführt hatten, obwohl Israel einen größeren Anteil an David hatte als Juda. Ihren größeren Anspruch begründeten die Männer Israels damit, dass sie zehn Anteile am König hätten (2Sam 19,42+44). Diese Anteile sind auf die zehn Stämme Israels zu beziehen. Schon hier – unmittelbar nach dem Aufstand Absaloms – wurde Benjamin, der ebenfalls an der Rückholung Davids beteiligt war, somit nicht mehr zu Israel, sondern zu Juda gezählt.1
Nach der Rückkehr Davids nach Jerusalem fanden laut 2Sam 21,15-22 noch vier Kriege gegen die Philister statt. Ein Parallelbericht über drei dieser Kriege, in dem wie in 2Sam 21,20 ein getöteter Philister mit 24 Fingern und Zehen erwähnt wird, steht in 1Chr 20,4-8 vor dem Volkszählungsbericht in 1Chr 21. Die Volkszählung fand also nach dem Sieg über Absalom und der danach erfolgten Rückkehr Davids nach Jerusalem statt. Damit ist nachgewiesen, dass Benjamin schon vor der Volkszählung Davids zu Juda und nicht mehr zu den übrigen Stämmen Israels gezählt wurde. Somit ist die dritte These ebenfalls bestätigt. Abschließend können wir somit festhalten, dass die Anzahl der Wehrfähigen nach der Seuche noch 65.000 Mann betrug, davon (800 x 50 =) 40.000 Mann aus Israel und (500 x 50 =) 25.000 Mann aus Juda inklusive Benjamin (2Sam 24,9; siehe 9.5.1).
1 Dem steht nicht entgegen, dass Scheba, der nach diesem Streit zwischen Juda (inklusive Benjamin) und den zehn Stämmen einen Aufstand anzettelte, ein Benjaminiter war (2Sam 20,1). Zwar wendeten sich infolge seiner Aufforderung alle Männer Israels von David ab, aber alle aus Juda hingen ihrem König an (2Sam 20,2). Da die Benjaminiter jedoch zusammen mit Juda an der Rückführung Davids beteiligt waren, hatten sie keinen Grund sich zurückgesetzt zu fühlen und sich deshalb von David abzuwenden. Wenn man den Stamm Benjamin – wie oben begründet – schon hier zu Juda rechnen kann, dann ist er von der Aussage, dass sich ganz Israel von David abwandte, nicht erfasst. Der Benjaminiter Scheba war dann lediglich ein „Einzeltäter“.