Bei der Volkszählung unter David wurden auch die noch in Israel lebenden Kanaaniter erfasst (2Sam 24,6-7; siehe 9.5.1). Möglicherweise waren auch diese von der Seuche betroffen, die ganz Israel heimsuchte. Aufgrund der Formulierungen in 2Sam 24,15b „… es starben von dem Volk … 70.000 …“ und in 1Chr 21,14b „…es fielen von Israel 70.000 …“ gehe ich jedoch davon aus, dass in dieser Zahl keine Kanaaniter enthalten sind.
Da die konventionellen Zahlen für diese Kanaaniter, die für den Tempelbau als Steinhauer und Lastträger im Gebirge herangezogen wurden (1Chr 2,16), aber ebenfalls weit überhöht sind, nehme ich im Folgenden im Rahmen eines kurzen Exkurses auch für diese eine Neubewertung vor. Zahlen zu den Fronarbeitern beim Tempelbau finden sich in 1Kön 5,27-32 und 2Chr 2,1+16-17. Zunächst zitiere ich 1Kön 5,27-29:
27 Und der König Salomo hob aus ganz Israel Zwangsarbeiter aus, und die ⟨Zahl der⟩ Zwangsarbeiter betrug 30 000 Mann. 28 Er schickte sie auf den Libanon, abwechselnd 10 000 ⟨Mann⟩ im Monat. Einen Monat waren sie auf dem Libanon, zwei Monate in ihrem Haus; und Adoniram war ⟨Aufseher⟩ über die Zwangsarbeit. 29 Und Salomo hatte 70 000 Lastträger und 80 000 Steinhauer im Gebirge,
Zunächst wird über 30 ÄLäPh Zwangsarbeiter (מַס MaS) aus ganz Israel berichtet, die zum Transport von Zedernholz vom Libanon nach Israel eingesetzt wurden. Gesenius gibt hier auch die Übersetzungsmöglichkeiten „Dienstverpflichtete“ oder „abhängige Arbeiter“ an.1 Diese arbeiteten in drei Schichten von je 10 ÄLäPh Mann, die sich im monatlichen Rhythmus abwechselten. Dadurch konnten sie während der siebenjährigen Tempelbauzeit (1Kön 6,37-38) neben der Dienstverpflichtung auch ihren häuslichen Pflichten nachkommen. Hierbei handelte es sich wahrscheinlich um Israeliten, die beim Holztransport von den Männern Hirams sozusagen eingearbeitet wurden (1Kön 5,20). Hiram hatte Salomo zugesagt, dass seine Männer die Bäume fällen und sie in Form von Flößen über das Mittelmeer bis an den von Salomo gewünschten Ort bringen würden, wo Salomos Männer sie übernehmen sollten (1Kön 5,22-23). Da die Zedernholzstämme schon vor dem Weitertransport hinauf nach Jerusalem in leichter zu transportierende Balken und Bretter zersägt werden konnten, und in der 7-jährigen Bauzeit genügend Zeit für den Transport zur Verfügung stand, wurden keine 10.000 Männer benötigt. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass jeweils 50er-Einheiten gemeint sind. So ergeben sich drei Schichten von je (10 x 50 =) 500 Mann und insgesamt 1.500 Mann.
Für die schwereren Arbeiten als Steinhauer und Lastträger in den Steinbrüchen wurden hingegen keine Israeliten, sondern die noch im Land lebenden Kanaaniter herangezogen. Schon David hatte sie zum Aushauen großer Steinquader eingesetzt, die auf dem zuvor als Ackerland genutzten Hochplateau einen ebenen und tragfähigen Untergrund bilden sollten (siehe 9.5.2.1). Die im Zitat genannten 70 ÄLäPh Lastträger und 80 ÄLäPh Steinhauer fand Salomo bei seinem Regierungsantritt daher wahrscheinlich schon vor. Wenn es sich dabei entsprechend der konventionellen Deutung tatsächlich um 150.000 Männer im arbeitsfähigen Alter gehandelt hätte, wären die Kanaaniter mehr als doppelt so zahlreich gewesen wie die Israeliten. Nach der in den vorausgehenden Abschnitten durchgeführten Neubewertung gab es bei den zehn Stämmen 40.000 Mann, bei Juda und Benjamin 25.000 Mann und bei den Leviten etwa 6.300 Mann, zusammen also 71.300 Männer im wehr- bzw. arbeitsfähigen Alter, die über das ganze Land verteilt lebten. Ein solches Bevölkerungsverhältnis passt jedoch nicht zum alttestamentlichen Kontext, demzufolge die Israeliten deutlich zahlreicher als die Kanaaniter gewesen sein müssen. Bei 150.000 Männern im arbeitsfähigen Alter müsste man inklusive der Jüngeren und Älteren von 200.000 männlichen und ähnlich vielen weiblichen Kanaanitern, also einer kanaanitischen Bevölkerung von rund 400.000 Menschen, ausgehen. Dies hätte in deren relativ kleinen Siedlungsgebieten im Norden Israels und im Stammesgebiet Benjamins für damalige Verhältnisse riesige Städte mit Einwohnerzahlen im fünfstelligen Bereich erfordert. Solche Städte hätten sich nicht allein durch Landwirtschaft versorgen können, sondern hätten ein größeres Einzugsgebiet mit entsprechendem Fernhandel benötigt. Für ein unterworfenes Volk ist dies jedoch kaum annehmbar.
Ich gehe deshalb davon aus, dass die kanaanitischen Arbeiter – ebenso wie die Israeliten in Ägypten – in Arbeitsgruppen von jeweils 50 Mann gegliedert waren und die 150 ÄLäPh bei den Zahlenangaben als 150 Arbeitsgruppen à 50 Mann zu verstehen sind. Die konventionellen Zahlen bei den Kanaanitern sind also im gleichen Verhältnis zu reduzieren wie bei den Israeliten. Dann ergeben sich (70 x 50 =) 3.500 Lastträger und (80 x 50 =) 4.000 Steinhauer, zusammen also (150 x 50 =) 7.500 Mann. Diese Zahlen werden auch in 2Chr 2,16+17 genannt:
16 Und Salomo zählte alle Fremden, die im Land Israel waren, nach der Zählung, die ⟨schon⟩ sein Vater David unter ihnen vorgenommen hatte; und es fanden sich 153 600. 17 Und er machte von ihnen 70 000 zu Lastträgern und 80 000 zu Steinhauern im Gebirge und 3 600 zu Aufsehern, um das Volk zur Arbeit anzuhalten.
Hier (wie auch in 2Chr 2,1) werden außerdem noch 3 ÄLäPh 600 kanaanitische Aufseher erwähnt. Bei nur 7.500 Arbeitern wären 3.600 Aufseher jedoch zu viel gewesen. Deshalb nehme ich an, dass wie bei den israelitischen Holztransportarbeitern auch bei den Kanaanitern, die in ihren Dörfern ebenfalls Land zu bewirtschaften hatten, drei Schichten gebildet wurden, die sich monatlich abwechselten. Die Angabe 3 ÄLäPh 600 wäre dann als drei Abteilungen mit insgesamt 600 Aufsehern zu lesen. Auf jede der 150 Arbeitsgruppen wären damit vier kanaanitische Aufseher gekommen. Die in 2Chr 2,16 genannten und konventionell als 153.600 Mann gewerteten Zahlen lauten im hebräischen Grundtext wie folgt:
מֵאָ֤ה וַחֲמִשִּׁים֙ אֶ֔לֶף וּשְׁלֹ֥שֶׁת אֲלָפִ֖ים וְשֵׁ֥שׁ מֵאֽוֹת
MeAH WaChaMiSchIM ÄLäPh USchöLoSchäT ALaPHIM WöSchesch MeO°T
Hundert undfünfzig ÄLäPh und drei ÄLäPh (hier die Pluralform ALaPhIM)2 mit (וְ) sechs hundert
Hier liegen zwei direkt aufeinanderfolgende, aber voneinander unabhängige Zahlen vor.3 Die erste Zahl ist als 150 Gruppen (à 50 Mann) zu deuten und die zweite als 3 Abteilungen mit insgesamt 600 Aufsehern. Diese Deutung entspricht genau den Angaben in Vers 17, wo die erste Zahl (= 150 ÄLäPh) in 70 und 80 Gruppen aufgeteilt wird. Erst nach Einfügung eines anderen Wortes wird die zweite Zahl genannt und mit der Bezeichnung „Aufseher (מְנַצְּחִים MöNaZöChIM)“4 versehen.
In 1Kön 5,30 werden zusätzlich 3 ÄLäPh 300 Fronvögte (רֹדִים RoDIM, wörtlich: das Volk „Beherrschende“)5 genannt:
30 abgesehen von den Obersten der Vögte Salomos, die über die Arbeit ⟨eingesetzt⟩ waren, 3 300, die das Volk beaufsichtigten18, das mit der Arbeit beschäftigt war.
18 w. die über das Volk herrschten
Auch hier ist die Angabe 3 ÄLäPh 300 wie bei den kanaanitischen Aufsehern als drei Abteilungen mit insgesamt 300 Vögten zu lesen. Es liegt ebenfalls eine Einteilung in drei Schichten vor. Diese israelitischen Vögte waren den „Obersten über die Vögte“ unterstellt und befehligten die Arbeiter (1Kön 5,30). Damit wären auf jede der 150 Arbeitsgruppen à 50 Mann zwei israelitische Fronvögte gekommen. Diesen waren wiederum pro Arbeitsgruppe vier kanaanitische Aufseher (מְנַצְּחִים MöNaZöChIM) unterstellt. Wahrscheinlich handelte es sich bei diesen vier Kanaanitern eher um eine Art Vorarbeiter, die die übrigen fachlich anleiteten, während die beiden Fronvögte die disziplinarische Aufsicht über die jeweilige Arbeitsgruppe führten. Die deutlich größere Anzahl von Führungskräften als bei der Ziegelherstellung in Ägypten – neben den ägyptischen Antreibern kam dort ein israelitischer Vorarbeiter auf 49 israelitische Arbeiter (siehe 3.1.1.2 und 7.3.3.2) – kann mit der wesentlich komplexeren Aufgabenstellung begründet werden. Für den Tempelbau mussten unterschiedliche Steinblöcke zugehauen werden. Diese mussten von den Fronarbeitern auf Anweisung so weit grob vorbereitet werden, dass sie von den ausgebildeten Steinmetzen6 noch im Steinbruch passgenau zugehauen werden konnten. Auf dem Tempelplatz durfte nämlich kein Hammerschlag zu hören sein (1Kön 6,7). Auch beim Transport der fertig zugehauenen Steinblöcke musste entsprechend vorsichtig vorgegangen werden.
Mit diesen Erkenntnissen lässt sich nun ein weiterer scheinbarer Widerspruch zwischen zwei Zahlen in Parallelberichten aufklären:
2Chr 8,10 Und das sind die Obersten der Vögte5, die der König Salomo hatte: 250, die über das Volk herrschten.
5 so mit der Leseform des Mas. T.; mit der Schreibform: der Besatzungen
1Kön 9,23 Dies sind die Obersten der Vögte, die über die Bauarbeiten12 Salomos ⟨gesetzt⟩ waren: 550, die über das Volk herrschten, das mit der Arbeit beschäftigt war.
12 w. über die Arbeit
In 2Chr 8,10 werden weitere 250 Vögte genannt, die über das Volk gesetzt waren. Sie hatten wohl andere Arbeiten zu beaufsichtigen als die 300 israelitischen Fronvögte, die über die Steinhauer und Lastträger gesetzt waren. In der Parallelstelle 1Kön 9,23 wird die Summe dieser 250 und der über die kanaanitischen Fremdarbeiter gesetzten 300 Vögte, also insgesamt 550 Vögte angegeben. Damit ist bewiesen, dass in 1Kön 9,23 mit den 3 ÄLäPh, die vor der Zahl 300 stehen, keine Tausender, sondern Gruppen gemeint sind (hier die drei Schichten, in die die Fronvögte eingeteilt waren).
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es 7.500 kanaanitische Fronarbeiter gab, die in 150 Arbeitsgruppen à 50 Mann eingeteilt waren. Für jede Gruppe gab es zusätzlich vier kanaanitische Vorarbeiter (insgesamt 600), die wiederum zwei israelitischen Fronvögten (insgesamt 300) unterstellt waren. 70 Gruppen bestanden aus Lastträgern, 80 aus Steinhauern. Die Arbeitsgruppen waren in drei Schichten aufgeteilt. So viel kann mit Sicherheit aus dem Bibeltext geschlossen werden. Es muss allerdings nicht zwingend angenommen werden, dass die drei Schichten genau gleich groß waren, wenngleich eine etwa gleiche Größe – analog zu den Holztransportarbeitern – wahrscheinlich ist. Zumindest die Anzahl der Steinhauer und der Lastträger war in den einzelnen Schichten allerdings nicht gleich, da die Anzahl der Gruppen – 70 bei den Steinhauern und 80 bei den Lastträgern – bei beiden Gewerken nicht durch drei teilbar ist. Wenn die drei Schichten gleich groß waren und somit jeweils aus 50 Gruppen bestanden, könnten zwei Schichten aus jeweils 23 Gruppen mit Lastträgern und 27 Gruppen mit Steinhauern bestanden haben, während die dritte Schicht aus 24 Gruppen mit Lastträgern und 26 Gruppen mit Steinhauern bestand. In den beiden erstgenannten Schichten wären dann jeweils (27 x 50 =) 1.350 Steinhauer und (27 x 6 =) 162 Fronvögte und Vorarbeiter, also insgesamt 1.512 Männer, gleichzeitig im Steinbruch beschäftigt gewesen. Zusammen mit den verantwortlichen Bauleuten, den bezahlten Steinmetzen für die Feinarbeit und einem Teil der Lastträger, die gerade fertige Steinblöcke aus dem Steinbruch transportierten, kann man von über 2.000 Personen ausgehen. Diese neu bewerteten Zahlen sind sehr viel plausibler als die konventionellen Zahlen, bei denen keine Aufteilung in Schichten erfolgte und dementsprechend 70.000 Steinhauer zuzüglich Aufseher, Fachpersonal und Lastträger gleichzeitig im Steinbruch gearbeitet hätten. Die Detailfrage, wie die drei Schichten genau zusammengesetzt waren, bleibt offen, da nach den Angaben im Bibeltext mehrere Varianten denkbar sind. An dieser Stelle beende ich daher den Exkurs zur Neubewertung der Zahlen der Fronarbeiter beim Tempelbau und kehre zu den Zahlen der Israeliten zurück.
1 Vgl. Gesenius, Hebräisches Handwörterbuch, S. 700, מַס:„1. Koll. Sg. Dienstverpflichtete, abhängige Arbeiter, Fronarbeiter“
2 Im hebräischen Grundtext werden die Zahl 2.000 durch die Dualform אַלְפַּיִם (ALPaJiM) und die Zahlen von 3.000 bis 10.000 i.d.R. durch die Mehrzahlform אֲלָפִים (ALaPhIM) mit dem entsprechenden Zahlwort von „drei“ bis „zehn“ ausgedrückt. Erst ab 11.000 wird wie für 1.000 die Singularform אֶלֶף (ÄLäPh) mit dem entsprechenden Zahlwort von „11“ aufwärts verwendet. Detaillierte Erläuterungen zu den Pluralformen von ÄLäPh finden sich in Abschnitt 7.3.2.1.
3 Weitere Beispiele für zwei direkt aufeinanderfolgende Zahlen finden sich in Ri 7,3b und 2Chr 26,13 (siehe 9.6.2.2)
4 Vgl. Gesenius, Hebräisches Handwörterbuch, S. 838f, נצח: „… Pi.: [= Piel] […] 1. beaufsichtigen, leiten […] Pt. Pl. [= Partizip Plural] […] Aufseher“
5 Vgl. Gesenius, Hebräisches Handwörterbuch, S. 1221, רדה: „… Qal.: […] 2. beherrschen, niedertreten, unterdrücken [Partizip Plural:„Beherrschende“]
6 Neben den nur zeitweise arbeitenden Fronarbeitern für die groben Arbeiten gab es auch noch auf die entsprechenden Gewerke spezialisierte festangestellte und bezahlte Fachhandwerker, teilweise auch aus dem Gebiet Hirams, die die Steine und das Holz genau zurichteten (1Kön 5,32). Daneben gab es Kunsthandwerker, denen Vorsteher der von König Hiram von Tyrus geschickte Hiram-Abi war, der Sohn eines Tyrers und einer Frau aus dem Stamm Dan, der alle Kunstgewerke beherrschte (2Chr 2,12-13).