In 1Chr 21,15-27 wird geschildert, dass der Gerichtsengel, der die von Jahwe geschickte Seuche auslöste, nördlich von Jerusalem bei der Tenne Ornans stand, um die Stadt zu verderben. Der Prophet Gad forderte David deshalb auf, an dieser Stelle ein Opfer darzubringen, um Jahwe zu besänftigen. David kaufte daraufhin die Tenne und die Rinder von Ornan für 50 Schekel Silber (2Sam 24,24, Ornan wird hier Arauna genannt) und errichtete dort einen Altar. Sein Opfer wurde von Jahwe mit Feuer beantwortet, das vom Himmel auf das Brandopfer herabfiel. Dadurch endete die Seuche. Daran erkannte David, dass dies der Ort war, an dem sein Sohn Salomo den Tempel für Jahwe bauen sollte. Er kaufte daher von Ornan für 600 Schekel Gold (1Chr 21,25) das die Tenne umgebende Hochplateau, das Raum für den Tempel und dessen Nebengebäude und Vorhöfe bot. Dann begann er mit den Vorbereitungen für den Tempelbau. Dies wird in 1Chr 21,28 und 1Chr 22,1-2 beschrieben:
1Chr 21,28 Zu jener Zeit, als David sah, dass der HERR ihm auf der Tenne Ornans, des Jebusiters, geantwortet hatte, ⟨und⟩ als er dort opferte – …
1Chr 22,1 da sagte David: Das hier soll das Haus Gottes, des HERRN, sein und das der Altar zum Brandopfer für Israel. 2 Und David befahl, dass man die Fremden versammeln solle, die im Land Israel waren; und er stellte sie an als Steinhauer, um Quader für den Bau des Hauses Gottes zu behauen.
Das Land, das den hier als „Tenne“ bezeichneten Dreschplatz umgab, war wahrscheinlich Ackerland, auf dem Ornan Getreide anbaute. Einen Dreschplatz legt man schließlich nicht weit entfernt von den Getreidefeldern an. Der Ackerboden war jedoch kein geeigneter Untergrund für den Bau eines Tempels. Deshalb musste erst ein ebener und tragfähiger Untergrund geschaffen werden. Dafür waren die Steinquader bestimmt, die David von den Steinhauern aushauen ließ. David durfte das Haus Jahwes selbst nicht bauen, weil er als Krieger Blut vergossen hatte (1Chr 28,2-3). So musste er sich auf das Aushauen dieser Steinquader beschränken, die erst Salomo später aus den Steinbrüchen herausziehen und zum Bauplatz bringen ließ. Dazu zitiere ich 1Kön 5,31 nach Schlachter 2000, ergänzt durch eigene Hinweise in eckigen Klammern:
31 Und der König [Salomo] gebot, und sie brachen [wörtlich: zogen] große Steine aus [(dem Steinbruch) heraus], kostbare Steine, um den Grund1 des Hauses mit Quadersteinen zu legen.
1 d.h. das Fundament
Das hier m.E. falsch mit „ausbrechen“ übersetzte hebräische Verb נסע (N S ~ ) hat laut Gesenius als Hauptbedeutung „herausreißen“ oder „aufbrechen“ bzw. „weiterziehen“. Die Übersetzung mit „herausreißen“ kommt z.B. in Ri 16,14 vor, wo Simson den Pflock, mit dem seine Haare am Boden befestigt waren, herausriss. Die häufig vorkommende Bedeutung „aufbrechen“ oder „weiterziehen“ meint eigentlich: „(die Zeltpflöcke) herausziehen (um aufzubrechen)“, sodass „herausziehen“ als Hauptbedeutung angesehen werden kann.1 Entsprechend ließ auch Salomo diese Quadersteine lediglich aus dem Steinbruch „herausziehen“ und zum Bauplatz bringen. Dort wurden sie zur Anlage einer Plattform für den Tempel mit seinen Vorhöfen verwendet.2 Herausgehauen wurden diese Steinblöcke jedoch schon von den Steinhauern, die sein Vater David angestellt hatte.
Bei diesen in 1Chr 22,2 (Zitat siehe oben) als „Fremde“ bezeichneten Steinhauern dürfte es sich um die noch im Land verbliebenen Nachkommen der Kanaaniter gehandelt haben. Im Norden Israels lebten noch Kanaaniter, die Joab bei seiner Musterung gezählt hatte (2Sam 24,6-7). Es gab außerdem überlebende Gibeoniter, die bei der Landnahme durch einen mit falschen Angaben erschlichenen Bund der Ausrottung entkamen, und die schon Josua zum Einsatz für Fronarbeit bestimmt hatte (2Sam 21,2; Jos 9,27). Diese lebten im Stammesgebiet Benjamins und wurden deshalb wohl wie die Benjaminiter bei der ersten Zählung durch Joab nicht gezählt (1Chr 21,6). Um sicherzustellen, dass sich diese Männer tatsächlich zur Fronarbeit einfanden, mussten sie zunächst registriert werden. Falls die innerhalb Israels liegenden Dörfer der Kanaaniter ebenfalls von der Seuche betroffen waren, mussten die von Joab angelegten Listen der Kanaaniter im Norden – und vielleicht auch noch in anderen nicht ausdrücklich erwähnten Gebieten – ebenfalls aktualisiert werden. Von einer solchen Zählung berichtet 2Chr 2,16-17:
16 Und Salomo zählte alle Fremden, die im Land Israel waren, nach der Zählung, die ⟨schon⟩ sein Vater David unter ihnen vorgenommen hatte; und es fanden sich 153 600. 17 Und er machte von ihnen 70 000 zu Lastträgern und 80 000 zu Steinhauern im Gebirge und 3 600 zu Aufsehern, um das Volk zur Arbeit anzuhalten.
Die Neubewertung der an dieser Stelle genannten überhöhten Zahlen erfolgt in Abschnitt 9.5.6. Hier geht es mir um die Aussage, dass Salomo die Fremden nach der Zählung Davids – also nach dessen Aufzeichnungen – zählte und sie in Steinhauer, Lastträger und Aufseher einteilte. Es lag bei Salomos Regierungsantritt also eine aktuelle Liste dieser Arbeiter vor, die David angelegt hatte. Im Zusammenhang mit dieser Registrierung der in Israel lebenden Kanaaniter, die unmittelbar nach der Seuche stattfand, als David sie zum Aushauen der Steinquader versammelte (1Chr 22,2), könnten die Seuchenopfer in ganz Israel gezählt worden sein. Da die Gibeoniter im Stammesgebiet Benjamins lebten, könnte in diesem Zusammenhang auch die erstmalige Zählung der Benjaminiter erfolgt sein.