Für die Aufstellung eines Szenarios, in dem sich eine Differenz von rund 70.000 Männern, Frauen und Kindern zwischen der Gesamtbevölkerung vor und nach der Seuche ergibt (siehe ‎9.5.4), müssen die im vorausgehenden Abschnitt ermittelten Mann-Zahlen von 91.516 vor sowie 71.540 nach der Seuche nun jeweils auf eine Gesamtbevölkerung hochgerechnet werden. Dafür sind noch je zwei weitere Rechenschritte notwendig. Zunächst müssen die Mann-Zahlen auf alle Männlichen hochgerechnet werden. Anschließend muss die weibliche Bevölkerung addiert werden, wofür vereinfachend Geschlechterparität angenommen, die Zahl aller Männlichen also einfach verdoppelt werden kann. Für die Hochrechnung von den Mann-Zahlen einer bestimmten Altersgruppe auf die Zahl aller Männlichen wird das Verhältnis zwischen dieser Altersgruppe und den übrigen Männlichen benötigt. Aus den wenigen alttestamentlichen Altersangaben für die frühe Königszeit in Israel lassen sich jedoch leider keine Altersstrukturdaten ableiten. Hier kann also nur geprüft werden, ob ein realistisches Verhältnis zwischen den Wehrfähigen bzw. den diensttuenden Leviten und den übrigen Männlichen ermittelbar ist, das zu allen hier vorgeschlagenen Zahlen passt.

In Abschnitt ‎9.5.5.1 habe ich für die Wehrfähigen von Israel und Juda eine Altersspanne von 20 bis 60 Jahren begründet. Bei den Leviten und Priestern kann man davon ausgehen, dass die ermittelten Zahlen den tatsächlichen Mann-Zahlen dieser Altersgruppe ungefähr entsprechen (siehe ‎9.5.5.2 und ‎9.5.5.4). Aus dem Verhältnis der 20- bis 60-Jährigen zu allen Männlichen ergibt sich ein Hochrechnungsfaktor, mit dem die bekannte Zahl der 20- bis 60-Jährigen multipliziert werden kann, um die Gesamtzahl aller Männlichen zu errechnen. Dieser Hochrechnungsfaktor ist die einzige Unbekannte in der folgenden Gleichung. Er ergibt sich also rechnerisch, wenn man alle übrigen Zahlen, die in den vorausgehenden Abschnitten ermittelt wurden, in die Gleichung einträgt. Um in meinem Szenario eine Differenz von 70.000 Personen zwischen der Gesamtbevölkerung vor und nach der Seuche zu erreichen, muss dieser Hochrechnungsfaktor 1,7521 betragen.

Gesamtbevölkerung vor der Seuche

Seuchenopfer

Gesamtbevölkerung nach der Seuche

91.516 x 1,7521 x 2

– 70.000 =

71.540 x 1,7521 x 2

320.690

– 70.000 =

250.690

 

Der errechnete Hochrechnungsfaktor von 1,7521 für die Zeit Davids soll nun durch einen Vergleich mit den aus der Bevölkerungsentwicklung in Ägypten abgeleiteten Altersstrukturdaten der Israeliten beim Exodus plausibilisiert werden. Für diese Zeit ergab sich ein nur geringfügig abweichender Faktor von 1,7358 für die Hochrechnung von den Wehrfähigen auf alle Männlichen (siehe Anlage 14, Tab. 17a). Damals lag die Altersobergrenze für die Wehrpflicht zwar durchschnittlich bei etwa 75 Jahren und damit um 15 Jahre höher als in der frühen Königszeit. Gleichzeitig war aber auch das maximal erreichbare Lebensalter mit etwa 125 Jahren um 20 Jahre höher. Diese beiden Abweichungen gegenüber der Zeit Davids dürften sich bei dem Verhältnis zwischen Wehrfähigen und übrigen Männlichen daher teilweise ausgeglichen haben, sodass der Hochrechnungsfaktor aus der Zeit des Exodus mit dem aus der Zeit Davids vergleichbar ist. Der oben errechnete Faktor von 1,7521 kann somit als realistisch angesehen werden. Damit kann die hier vorgeschlagene Neubewertung der Zahlen der Wehrfähigen – bei gleichzeitigem Verzicht auf eine Neubewertung bei den Opferzahlen der Seuche – als plausibel bestätigt werden.

Wie die nachfolgende Alternativrechnung zeigt, gilt dies auch, wenn man die schwer verständlichen biblischen Aussagen zu den Leviten-Zahlen anders deutet oder bei der Hochrechnung der Zahlen vor der Seuche bei den Benjaminitern, Leviten und Priestern andere Annahmen trifft. Wollte man beispielsweise annehmen, dass die biblischen Zahlenangaben bei den Leviten nicht alle 20- bis 60-Jährigen enthalten, so müsste man die in der Tabelle angegebene Mann-Zahl nach der Seuche – und analog hochgerechnet auch die Zahl vor der Seuche – um eine geschätzte Zahl für die fehlenden Männer erhöhen. Damit sich trotzdem eine Differenz von 70.000 Personen ergibt, müsste der Hochrechnungsfaktor entsprechend reduziert werden. Erhöht man die Zahl der Leviten nach der Seuche beispielsweise um 1.000 Mann – und entsprechend die Zahl vor der Seuche um 1.279 Mann –, so vermindert sich der Faktor auf 1,7280. Er läge damit immer noch im Bereich des Faktors aus der Zeit des Exodus von 1,7358. Solche Alternativrechnungen wirken sich wegen des jeweils notwendigen Ausgleichs durch Anpassung des Hochrechnungsfaktors nur sehr geringfügig – im vorliegenden Beispiel um jeweils weniger als zehn Personen – auf die Höhe der Gesamtbevölkerung aus. Da die übrigen Mann-Zahlen für die Zeit nach der Seuche, der größte Teil der Mannzahlen vor der Seuche sowie die Differenz von 70.000 Personen zwischen der Gesamtbevölkerung vor und nach der Seuche feststehen und der Hochrechnungsfaktor nur in einem begrenzten Rahmen angepasst werden kann, gibt es nur wenig Spielraum für andere Deutungen der Zahl der Leviten nach der Seuche bzw. für die Hochrechnung der Zahlen vor der Seuche bei den Benjaminitern und Leviten. Abschließend können wir somit festhalten, dass die Gesamtbevölkerung der Israeliten im gesamten Siedlungsgebiet, bestehend aus den zwölf Stämmen und den Leviten, zum Zeitpunkt der ersten Volkszählung unter David bei rund 320.000 Menschen lag, während sie nach der Seuche nur noch rund 250.000 Menschen betrug.

In Anlage 23c, Tab. 27 habe ich die in Abschnitt ‎9.5.7.1 vorgestellte Tabelle der Mann-Zahlen um die Hochrechnung auf die Gesamtbevölkerung ergänzt. Dort sind nun eine differenzierte Hochrechnung je Bevölkerungsgruppe sowie die entsprechenden Zahlen der Seuchenopfer und des prozentualen Bevölkerungsrückgangs durch die Seuche abgebildet. Alle Zahlen, die unmittelbar aus dem Bibeltext stammen, sind in größerer Schrift dargestellt und durch Fettdruck sowie eine etwas dunklere graue Schattierung hervorgehoben. Die durch eine Neubewertung der ÄLäPh als 50er-Einheiten ermittelten Mann-Zahlen sind lediglich fett gedruckt. Die durch Analogieschlüsse ermittelten Zahlen vor der Seuche bei den Benjaminitern, den Leviten und den Priestern sind hingegen kursiv gedruckt, ebenso der sich rechnerisch aus den übrigen Zahlen ergebende Hochrechnungsfaktor. Die vom ersten Rechenschritt zur Hochrechnung auf die Zahl der Benjaminiter vor der Seuche betroffenen Felder sind gelb markiert. Die Felder, die den zweiten Rechenschritt zur Ermittlung der Leviten und Priester vor der Seuche betreffen, sind orange gekennzeichnet. Eine Beschreibung dieser beiden Rechenschritte ist in zwei ebenfalls gelb bzw. orange gekennzeichneten Fußnoten dokumentiert. Die Ermittlung und Plausibilisierung des Hochrechnungsfaktors ist in einer dritten, grün gekennzeichneten Fußnote beschrieben. Die Tabelle ist wie folgt aufgebaut:

  • 1. Spalte: Bevölkerungsgruppe, auf die sich die jeweiligen Zahlen beziehen
  • 2. – 6. Spalte: Zahlenangaben zur Bevölkerung vor der Seuche
    • 2. Spalte: Anzahl der Einheiten à 50 Mann
    • 3. Spalte: Anzahl der wehrfähigen Männer über 20 Jahren bzw. der diensttuenden Leviten bzw. Priester
    • 4. Spalte: Umrechnungsfaktor von den in Spalte 3 angegebenen 20- bis 60-jährigen Männern auf alle männlichen Personen (inkl. Kindern und Greisen)
    • 5. Spalte: Anzahl aller Männlichen (aus Multiplikation Spalte 3 und 4)
    • 6. Spalte: Gesamtbevölkerung: Ermittlung durch Verdopplung der Zahl aus Spalte 5 (vereinfachende Annahme von Geschlechterparität)
  • 7. – 11. Spalte: Zahlenangaben zur Bevölkerung nach der Seuche
    • Zur Beschreibung der Spalten 7 – 11 siehe Spalten 2 – 6
  • 12. – 13. Spalte: Differenz der Bevölkerung vor und nach der Seuche
    • 12. Spalte: : Differenz nach Köpfen: Anzahl der Seuchenopfer
    • 13. Spalte: : Differenz in Prozent: Bevölkerungsrückgang

Bei differenzierter Betrachtung der einzelnen Bevölkerungsgruppen zeigt sich bei den zehn Stämmen ein durchschnittlicher Bevölkerungsrückgang durch die Seuche von 27,27 %. Dies ist ein Ausmaß, das den großen Pestepidemien in Europa im Mittelalter nahekommt, bei denen in vielen Regionen mehr als ein Viertel der Bevölkerung starb. Bei Juda (ohne Benjamin) beträgt der Bevölkerungsrückgang hingegen nur 8,02 %, also weniger als ein Drittel des Rückgangs bei den zehn Stämmen. Diese Prozentsätze gelten auch für die Veränderung der Mann-Zahlen, die bei diesen beiden Personengruppen direkt aus den alttestamentlichen Texten entnommen wurden bzw. sich – im Fall Judas nach der Seuche – als Differenz aus biblischen Zahlen ergeben. Ein solch großer Unterschied verlangt nach einer Erklärung. Ich zitiere dazu 2Sam 24,1:

1 Und wieder entbrannte der Zorn des HERRN gegen Israel. Und er reizte David gegen sie auf zu sagen: Geh hin, zähle Israel und Juda!

Jahwe hatte schon vor der Volkszählung Grund auf Israel zornig zu sein. Deshalb reizte er David zu der Volkszählung.1 Diese wird dann als (letzter) Anlass für das folgende Gericht benannt. Ich gehe davon aus, dass bei einem großen Teil des Volkes gravierende Verstöße gegen Gottes Gebote vorlagen, auf die nach dem Gesetz die Todesstrafe stand. Die wesentlich niedrigere Opferzahl bei Juda könnte darauf zurückzuführen sein, dass dort noch eine größere Gottesfurcht herrschte als im übrigen Israel. In Jerusalem hatte David mit dem Zelt für die Bundeslade ein zentrales Heiligtum für Jahwe mit einem Priester- und Leviten-Dienst eingerichtet (1Chr 16 + 17). Auch David selbst, der aus Juda stammte, diente Gott. Beides dürfte auch Einfluss auf die umliegenden Gebiete Judas gehabt haben. Für Jerusalem wird ausdrücklich erwähnt, dass es von der Seuche verschont wurde (2Sam 24,16). Somit kann man annehmen, dass auch Juda geringer betroffen war. Damit hätte man eine Erklärung für diesen großen Unterschied. Nun bleibt noch die Frage, warum die Mann-Zahlen vor der Seuche am Ende von Davids Regierungszeit so viel höher sind, als die Zahlen der zu Beginn von Sauls Regierungszeit gezählten Männer. Diesem Thema ist der nächste Abschnitt gewidmet.

 

  • 1 In 1Chr 21,1 wird dagegen der Satan – in der Elberfelder Übersetzung statt als Eigenname falsch mit der Namensbedeutung „ein Widersacher“ wiedergegeben – als derjenige bezeichnet, der David zu der Volkszählung verführte. Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich aber leicht auflösen, wenn man erkennt, dass der Satan hier – wie bei der Prüfung Hiobs (Hiob 1,8+12) – lediglich als Werkzeug Jahwes zur Verführung Davids dient. Auch David ist nur ein Werkzeug Jahwes, um die Strafe über das schon vorher gerichtsreife Volk zu bringen. Unmittelbar bestraft wurde letztendlich nur das Volk. Bei David wurden lediglich sein Stolz und sein Machtbewusstsein zurechtgestutzt, was sich in seinem Schuldbekenntnis und seiner Bitte um Vergebung zeigte (2Sam 24,10+17).