Bei der ersten Volkszählung im 38. Regierungsjahr Davids hatte der Heerführer Joab in einer neunmonatigen Rundreise durch ganz Israel alle Wehrfähigen Israels und Judas gezählt. Wahrscheinlich hat er sie – anders ist die lange Dauer der Zählung kaum erklärbar – wie Mose am Sinai auch namentlich registriert. Er dürfte daher ausnahmslos alle Wehrfähigen erfasst haben. Die Ergebniszahlen werden getrennt für die zehn Stämme Israels und für Juda angegeben. Nach Neubewertung der ÄLäPh als 50er-Einheiten ergeben sich für die zehn Stämme Israels 55.000 und für Juda 23.500 Mann. Der Stamm Benjamin, der zu dieser Zeit schon zu Juda zählte, wurde allerdings nicht gezählt. Deshalb habe ich aus den bekannten Zahlen nach der Seuche für Benjamin 4.650 Wehrfähige hochgerechnet. Insgesamt ergeben sich somit für alle zwölf Stämme 83.150 Wehrfähige.
Zu Beginn von Sauls Regierungszeit wurden ebenfalls getrennte Zahlen für Juda und Israel angegeben. Sauls eigener Stamm Benjamin war zu dieser Zeit jedoch noch völlig eigenständig und wurde zu Israel gezählt. Auch hier sind die in den Zahlen enthaltenen ÄLäPh als 50er-Einheiten zu deuten. Als Saul im dritten Jahr nach seiner Wahl zum König zum ersten Mal als solcher auftrat und ein Heer zur Befreiung der durch die Ammoniter bedrohten Stadt Jabesch in Gilead im Ostjordanland aufstellte, folgten seinem Aufruf aus den westlich des Jordan lebenden Stämmen Israels nur 15.000 und aus Juda nur 1.500 aktive Krieger. An anderer Stelle werden weitere 3.000 Männer aus den östlich des Jordan lebenden Stämmen erwähnt, die an einem Kriegszug Sauls gegen die Hagariter teilnahmen. Daraus ergeben sich für Israel ohne Juda 18.000 aktive Krieger (siehe 9.2.1). Diese Zahlenangaben bei Saul sind jedoch nicht mit den Ergebnissen von Davids Volkszählung vergleichbar. Denn wenn schon bei der Landnahme unter Josua, bei der es um die Eroberung ihres künftigen Siedlungsgebietes ging, von 25.730 Wehrfähigen nur 20.000 (= 77,7 %) im Heer kämpften (siehe 4.2.1), dürfte bei einem noch nicht etablierten König und einer Bedrohungslage, die die westlich des Jordan lebenden Israeliten nicht persönlich betraf, erst recht ein größerer Teil der Männer an ihren Wohnorten zurückgeblieben sein.
Wenn nur ein Drittel der Wehrfähigen zu Hause geblieben wäre, hätte Israel ohne Juda etwa (18.000 ÷ 2 x 3 =) 27.000 Wehrfähige gehabt. Diese Größenordnung lässt sich mit dem Heer Gideons vergleichen, das anfangs 16.000 Mann stark war. Diese Männer stammten aus den Stämmen Issaschar, Asser, Naftali, Sebulon, Halb-Manasse und einem größeren Teil des unter diesen Stämmen verstreut lebenden Stammes Simeon, also aus nur 5,5 Stämmen (siehe 4.5.3). Selbst wenn man annimmt, dass aus den unmittelbar durch die Einfälle der Midianiter bedrohten Gebieten von Issachar und Sebulon sowie den daran angrenzenden Teilgebieten von Halb-Manasse, Naphtali und Asser nahezu alle Wehrfähigen dem Aufruf Gideons gefolgt sind, so bleiben doch die weiter entfernten Gebiete, in denen zum Schutz der Grenzen Wehrfähige zurückgeblieben sind. Wenn nur 1.500 Mann zu Hause geblieben wären, hätten diese 5,5 Stämme 17.500 Wehrfähige gehabt. Mit den anfangs 16.000 Mann wären dann (16.000 x 100 ÷ 17.500 =) 91,4 % aller Wehrfähigen Gideons Aufruf gefolgt. Das wäre eine weitaus höhere Quote als bei der Landnahme unter Josua, sodass die angenommene Zahl der Wehrfähigen eine vorsichtige, eher zu niedrige Schätzung darstellt. Unter der Annahme, dass die übrigen 5,5 Stämme (Dan, Benjamin, Ephraim sowie jenseits des Jordan Gad, Ruben und Halb-Manasse) zur Zeit Gideons eine ähnliche Anzahl an Wehrfähigen hatten, ergibt sich für die elf Stämme Israels eine Gesamtzahl von etwa 35.000 Wehrfähigen. In den alttestamentlichen Texten über die 165 Jahre zwischen dem Sieg Gideons und dem dritten Jahr Sauls (siehe 9.1.2.5 und Anlage 21b) sind keine Gründe für einen nachhaltigen Rückgang erkennbar. Die bei der Niederlage gegen die Philister am Ende von Elis Richterzeit gefallenen Männer reduzieren sich nach Neubewertung auf 1.700 Mann (siehe 9.2.1). Da nur wehrfähige Männer betroffen waren, kann eine solche Anzahl in den 49 Jahren (ein bis zwei Generationen) bis zum dritten Regierungsjahr Sauls (siehe 9.1.1.4) wieder ausgeglichen worden sein. Deshalb ist auch für das dritte Regierungsjahr Sauls eine Gesamtzahl von 35.000 wehrfähigen Männern bei den elf Stämmen annehmbar. Dies entspricht dem 1,57-fachen der Mann-Zahl der elf Stämme beim zweiten Zensus (25.730 – 3.500 = 22.230 Mann; siehe 3.2 und Anlage 4, Tab. 8). Mit den oben genannten 18.000 aktiven Kriegern waren somit lediglich 51,4 % der vorhandenen Wehrfähigen Sauls Aufruf gefolgt, was angesichts der oben beschriebenen Situation vor diesem Kriegszug nachvollziehbar ist.
Der Stamm Juda war beim zweiten Zensus kurz vor der Landnahme mit 3.500 wehrfähigen Männern deutlich größer als alle übrigen Stämme, die durchschnittlich 2.063 Wehrfähige aufwiesen. Bei der Strafaktion gegen Benjamin wenige Jahrzehnte später erlitt er allerdings große Verluste. Von den ersten 1.100 Toten dürfte ein Großteil auf den Stamm Juda entfallen sein, der den Angriff anführte (siehe 4.3.2). Da ihr Siedlungsgebiet aber für 3.500 Mann bemessen war und die Verluste nur wehrfähige Männer betrafen, dürfte dieser Verlust innerhalb von zwei bis drei Generationen wieder ausgeglichen worden sein. Unter der Annahme, dass das Bevölkerungswachstum ähnlich groß war wie bei den übrigen Stämmen, hätte sich zum Regierungsbeginn Sauls eine Zahl von etwa 5.500 Wehrfähigen ergeben (3.500 x 1,57 = 5.495). Dass dem Aufruf Sauls zu seinem ersten Kriegszug aus Juda nur 1.500 Mann (= 27,3 %) folgten, dürfte daran gelegen haben, dass Juda durch die Philister an der West- und die Amalekiter an der Südgrenze bedroht war. Vielleicht hatten sie sogar schon Gebietsverluste erlitten. Der Stamm Simeon, dessen bei der Landnahme zugeteiltes Gebiet noch weiter südlich lag, wurde jedenfalls aus seinem Gebiet vertrieben und lebte zerstreut unter den Nordstämmen (1Mose 49,5-7; 1Kön 11,31; siehe 9.5.3.2). In 1Sam 14,21 werden außerdem Hebräer genannt, die den Philistern Heerfolge leisten mussten. Ich gehe davon aus, dass es sich bei diesen Hebräern um Männer aus Juda handelte, deren Siedlungsgebiet an das Land der Philister angrenzte und von diesen unterworfen worden war. Ein Teil des Stammesgebiets Judas stand also unter der Oberherrschaft der Philister, sodass aus diesem Gebiet keine Krieger dem Aufruf Sauls folgen konnten. Die gegenüber den übrigen Stämmen nur etwas mehr als halb so große Mobilisierungsquote ist somit plausibel. Damit kann von der aus der Zahl bei der Landnahme analog zu den übrigen Stämmen auf die Zeit Sauls hochgerechneten Anzahl von 5.500 Wehrfähigen bei Juda ausgegangen werden.
Zwischen dem 3. Regierungsjahr Sauls und der Volkszählung unter David vergingen 75 Jahre (Saul: 38 J. + David: ca. 37 J.). Die von David gezählten Männer waren somit die Enkel und Urenkel derjenigen, die Saul bei seinem ersten Kriegszug einberufen hatte. Innerhalb von 75 Jahren bzw. von drei bis vier Generationen müssen sich die Mann-Zahlen bei den elf Stämmen von 35.000 auf (55.000 + 4.650 =) 59.650 erhöht haben. Dies entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von +0,71 % (35.000 x 1,007175 = 59.500). Eine Hauptursache für dieses Bevölkerungswachstum dürfte die Einführung der Königsherrschaft in Israel gewesen sein. Als die Israeliten Samuel darum baten, einen König einzusetzen, warnte dieser sie, dass der König ihre Söhne in sein Heer und ihre Töchter als Mägde an seinen Hof holen würde (1Sam 8,10-13). Diese Voraussage erfüllte sich zunehmend. Mit fortschreitender Regierungszeit wuchs Sauls Königshof und damit auch der Personalbedarf für seinen Unterhalt. Auch das stehende Heer vergrößerte sich von anfangs nur 150 Mann (siehe 9.2.1) bis zum Ende von Sauls Regierungszeit auf mehrere Tausend Mann. Saul besiegte die äußeren Feinde und schützte die Grenzen (1Sam 14,47-48, siehe 9.2.2.2), wodurch er eine weitere Grundlage für das Bevölkerungswachstum legte. David eroberte die Jebusiter-Stadt Jerusalem (2Sam 5,6-8) und beauftragte große Bauprojekte. Durch mehrere Kriegszüge dehnte er sein Einflussgebiet weit über die Grenzen Israels hinaus aus und machte die meisten angrenzenden Länder tributpflichtig (2Sam 8,6+11-12+14; 2Sam 10,19). Er unterhielt außerdem weitreichende Handelsbeziehungen. Aufgrund dieser Rahmenbedingungen war das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung über einen langen Zeitraum sehr hoch und ihre Versorgungslage sehr gut. Zudem gab es am Königshof und im Heer neue „Arbeitsplätze“. So konnten mehr Kinder großgezogen werden, als für eine gleichbleibende Bevölkerungszahl notwendig waren. Dadurch lässt sich die moderate Wachstumsrate von +0,71 % gut erklären. Für Juda ergibt sich bei einer Steigerung von 5.500 auf 23.500 Mann eine deutlich höhere jährliche Wachstumsrate von +1,96 % (5.500 x 1,019675 = 23.583). Hier dürften sich zusätzlich die Befreiung der Gebiete, die unter der Oberherrschaft der Philister standen, sowie Gebietsgewinne nach dem vernichtenden Sieg Sauls über die Amalekiter ausgewirkt haben. Juda könnte Teile des ursprünglichen Stammesgebiets Simeons, das südlich seines eigenen Stammesgebiets lag und von den Amalekitern zurückgewonnen wurde, besiedelt haben. Freies Siedlungsgebiet ist ein starker Anreiz für Bevölkerungswachstum. Beide Wachstumsraten sind somit bei den gegebenen Rahmenbedingungen plausibel. Mit diesen Wachstumsraten und der Erkenntnis, dass die im Text genannten Mannzahlen bei Sauls erstem Kriegszug nur einen Teil der vorhandenen Wehrfähigen umfassten, lässt sich der große Unterschied zwischen den Mannzahlen bei Saul und den Ergebniszahlen der Volkszählung Davids schlüssig erklären.