Die Veränderung der Wehrfähigen-Zahlen zwischen erstem und zweitem Zensus war bei den zwölf Stämmen sehr unterschiedlich (siehe 3.3 und Anlage 5, Tab. 9). Ein wesentlicher Grund dafür war sicher das letzte große Gericht, das nur die beim ersten Zensus unter 20-Jährigen und die während der Wüstenwanderung Geborenen betraf, weil alle älteren Wehrfähigen schon während der Wüstenwanderung gestorben waren. Mit Abstand am stärksten betroffen war wohl der Stamm Simeon, bei dem die Mann-Zahlen gegenüber dem ersten Zensus um 1.100 (- 47,8 %) zurückgingen. Bei Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums während der Wüstenwanderung waren die tatsächlichen Verluste noch deutlich höher. Manasse konnte dagegen trotz des Gerichts einen Anstieg bei der Zahl der Wehrfähigen um 1.500 Mann (+125,0 %) verzeichnen.

Um eine mögliche Ursache für die unterschiedliche Betroffenheit durch das Gericht bei den einzelnen Stämme aufzuzeigen, stelle ich nachfolgend die in 4Mose 2 beschriebene Lagerordnung Israels dar. Die zwölf Stämme waren in vier Lager mit jeweils drei Stämmen unter Führung von Juda, Ruben, Dan und Ephraim eingeteilt (siehe ‎3.1.3.1 und Anlage 3c, Tab 5a). Jedem Lager war nach den vier Himmelsrichtungen eine Seite der Stiftshütte zugeteilt. Juda, dem viertältesten Sohn Leas, und den beiden jüngsten Söhnen Leas, Issaschar und Sebulon, war z.B. die Ostseite zugeteilt (4Mose 2,3-9). Die drei Stämme werden dabei in der Reihenfolge des Alters ihrer Stammväter vom vierten bis zum sechsten Sohn Leas genannt. Von den beiden jüngeren Söhnen wird gesagt, dass sie neben Juda – also wie dieser auf der Ostseite – lagerten. Es ist allerdings nicht ausgesagt, dass sie unmittelbar neben Juda – dieser also in der Mitte zwischen beiden – lagerten. Zur Beschreibung des Abzugs vom Sinai zitiere ich 4Mose 10,14-16 nach der Luther-Übersetzung:

14 nämlich das Banner des Lagers Juda brach zuerst auf, Heerschar nach Heerschar, und über ihr Heer gebot Nachschon, der Sohn Amminadabs. 15 Und über das Heer des Stammes Issachar gebot Netanel, der Sohn Zuars. 16 Und über das Heer des Stammes Sebulon gebot Eliab, der Sohn Helons.

Hier wird berichtet, dass das Lager Juda, das aus den drei Stämmen Juda, Issaschar und Sebulon bestand, beim Aufbruch zuerst wegzog. Über das gesamte Lager gebot Nachschon, der gleichzeitig der Anführer des Stammes Juda war. Es ist naheliegend anzunehmen, dass mit dem Banner dieses ganzen Lagers, von dem ausgesagt ist, dass es zuerst aufbrach, auch der Lager-Anführer Nachschon und mit ihm sein Stamm Juda als erster Stamm aufbrachen. Der Stamm Juda wäre dann am neuen Lagerplatz auch als Erster angekommen und hätte sein Lager sinnvollerweise am rechten oder linken Rand der Ostseite bezogen, so dass sich die beiden später ankommenden Stämme daran anschließen konnten. Von den beiden übrigen Stämmen wird nur ausgesagt, wer sie anführte, aber nicht wann sie abmarschierten. Die Reihenfolge ihrer Erwähnung richtet sich auch hier wie in 4Mose 2,3-9 nach dem Alter bzw. der Rangordnung der Stammväter. Entsprechend sind auch bei den drei anderen Lagern die zugehörigen Stämme jeweils in 4Mose 2 und 4Mose 10 nach dem Alter bzw. der Rangordnung ihrer Stammväter aufgelistet.1 Daraus ergibt sich aber nicht zwingend, dass die tatsächliche Anordnung der drei Stämme innerhalb ihres jeweiligen Lagers der Reihenfolge der Aufzählung entsprochen haben muss. Mein von dieser Reihenfolge abweichender Vorschlag für die Anordnung der Stämme würde eine Erklärung für die in Anlage 5, Tab. 9 aufgezeigte stark unterschiedliche Entwicklung der Wehrfähigen-Zahlen je Stamm zwischen den beiden Musterungen bieten. Nachfolgend habe ich diesen Vorschlag zur Lagerordnung der Israeliten in den Steppen Moabs schematisch dargestellt (ohne Berücksichtigung von Stammesgröße oder Maßen). Die unter dem Namen des Stammes stehende Zahl gibt die Anzahl der Wehrfähigen beim zweiten Zensus an, der Prozentwert die Veränderung dieser Anzahl gegenüber derjenigen des ersten Zensus:

Norden

Asser

2.400

(+60 %)

Naftali

2.400

(+0,0 %)

Dan

2.400

(-11,1 %)

Norden

Westen

Osten

Manasse

2.700

(+125 %)

Leviten

Leviten

Leviten

Juda

3.500

(+34,6 %)

Benjamin

1.600

(+14,3 %)

Leviten

Stiftshütte

Leviten

Sebulon

2.500

(+4,2 %)

Ephraim

1.500

(+0,0 %)

Leviten

Leviten

Leviten

Issaschar

2.300

(-4,2 %)

Westen

Ruben

1.730

(+15,3 %)

Gad

1.500

(-9,1 %)

Simeon

1.200

(-47,8 %)

Osten

Süden

Süden

 

Die Moabiter hatten ihr Siedlungsgebiet jenseits des Arnon, also südlich von Israels Lager, das sich in Nord-Süd-Richtung über etwa 7 km von Bet-Jeschimot bis Abel-Schittim erstreckte (siehe 4.1.1.3 und Anlage 6b). Die Stadt Bet-Peor (Haus Peors) und damit vermutlich auch das Heiligtum des Baal Peor lag östlich von Israels Lager wahrscheinlich etwa gegenüber von dessen südlichem Ende oder noch etwas südlicher. Es ist daher anzunehmen, dass sich die Töchter der Moabiter, die die Israeliten zu Hurerei und Götzendienst verführten, von Südosten dem Lager näherten. Simeon hatte seinen Lagerplatz auf der Südseite der Stiftshütte (2Mose 2,10+12). Wenn Simeon außerdem – wie von mir vermutet und oben eingezeichnet – der östlichste Stamm auf der Südseite war, wären die Moabiterinnen wahrscheinlich zuerst auf Männer des Stammes Simeon getroffen. Da auch die Sippenoberhäupter dieses Stammes demgegenüber nicht standfest genug waren – es war ein Sippenoberhaupt der Simeoniter, das die midianitische Fürstentochter mit in das Lager Israels brachte (4Mose 25,6+14-15) – ließen sich von diesem Stamm besonders viele verführen, ehe sich die Nachricht durch das Lager verbreitete. Die beiden Stämme mit dem stärksten Zuwachs gegenüber dem ersten Zensus waren Manasse (+125 %) und Asser (+60 %). Sie lagerten im Westen bzw. Norden der Stiftshütte. Bei der oben angenommenen Verteilung wären sie am weitesten von Simeon entfernt gewesen. Ich gehe daher davon aus, dass sich die Nachricht über das Angebot der Moabiterinnen von Simeon ausgehend in beiden Richtungen durch das Lager verbreitete und deshalb die beiden am weitesten entfernt lagernden Stämme am wenigsten betroffen waren.

Die Stämme Juda und Ruben hatten als nahe Nachbarn vermutlich ebenfalls hohe Verluste. Sie konnten gegenüber dem ersten Zensus aber trotzdem mit 34,6 bzw. 15,3 % noch deutliche Steigerungen bei den Wehrfähigen verzeichnen. Juda (-750 Mann, -22,4 %) und Ruben (-550 Mann -26,8 %) hatten zwischen Exodus und erstem Zensus die höchsten Verluste bei den Wehrfähigen durch die Amalekiterschlacht und das Gericht wegen des Goldenen Kalbs (siehe Anlage 8c, Tab. 9c). Deshalb hatten sie zum Zeitpunkt des ersten Zensus einen deutlich höheren Anteil unter 20-Jähriger als die übrigen Stämme und konnten dadurch in der Zeit der Wüstenwanderung ein so hohes Wachstum erreichen, dass sie trotz der Verluste bei diesem Gericht beim zweiten Zensus noch einen Anstieg der Wehrfähigen ausweisen konnten.

Das Lager der Leviten grenzte unmittelbar an das des Stammes Simeon an. Zwar dürften auch bei den Leviten die im nordwestlichen Teil des Lagers lebenden Männer weniger von dem Gericht betroffen gewesen sein. Da die Nachricht von den Moabiterinnen hier aber keine Lagergrenzen zu überwinden hatte, dürfte die Zahl der von dem Gericht Betroffenen im nordwestlichen Teil nicht so viel niedriger als im südöstlichen Teil gewesen sein wie bei den übrigen Stämmen. Man könnte daher bei den Leviten mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil an durch das Gericht Getöteten rechnen. Andererseits kann man aber davon ausgehen, dass bei den über 30- bis 50-Jährigen, die durch ihren Dienst am Heiligtum ständig mit der Heiligkeit Jahwes konfrontiert waren, ein geringerer Anteil an Hurerei und Götzendienst beteiligt war, als bei den übrigen Stämmen. Dadurch könnte sich insgesamt ein sogar leicht unter dem Durchschnitt der übrigen Stämme liegender Anteil der Leviten an den durch das Gericht getöteten Männern ergeben. Die zwölf Stämme hatten beim zweiten Zensus durchschnittlich (25.730 ÷ 12 =) 2.144 Wehrfähige von 20 bis 60 Jahren. Bei 11.000 männlichen Leviten ergeben sich entsprechend dem Anteil der 20- bis 60-Jährigen an allen Männlichen aus Anlage 14, Tab. 17 von (19,42 + 24,18 + 7,22 =) 50,82 % eine Anzahl von 5.590 Männern von 20 bis 60 Jahren. Dies entspricht der 2,6-fachen Stammesgröße gegenüber dem Durchschnitt der zwölf Stämme. Bei gleichmäßiger Verteilung der 24.000 Toten auf alle Stämme entsprechend ihrer Größe wären auf die Leviten (24.000 x 2,6 ÷ 14,6 =) 4.274 Getötete entfallen. Ich gehe von rund 4.200 getöteten Männern und Jünglingen bei den Leviten aus.

Wie sich die übrigen Toten genau auf die zwölf Stämme verteilten und damit auch wie stark bei den einzelnen Stämmen das Bevölkerungswachstum während der Wüstenwanderung war, ist allerdings heute nicht mehr rekonstruierbar. Im nächsten Abschnitt wird daher zur Plausibilisierung der großen Opferzahl von 24.000 Mann bei dem Gericht wegen des Baal Peor – und damit der Deutung der ÄLäPh in dieser Zahl als Tausender – eine mögliche Entwicklung der Wehrfähigen-Zahlen zwischen den beiden Musterungen lediglich auf Ebene des Gesamtvolkes dargestellt.

  • 1 Beim Lager Ephraim werden die beiden Söhne Josefs vor dessen jüngerem Bruder Benjamin genannt. Dass Ephraim anstelle seines älteren Bruders Manasse das Lager anführt, liegt daran, dass die Vorrangstellung durch den Segen Jakob-Israels auf diesen übergegangen war (1Mose 48,9+13-14+18-20).