Im Zusammenhang mit der Ankündigung der 400-jährigen Unterdrückung seiner Nachkommen teilt Jahwe Abraham außerdem mit, dass die vierte Generation an diesen Ort – also nach Kanaan, wo sich Abraham zum Zeitpunkt der Ankündigung befand – zurückkehren werde. Ich zitiere dazu nochmals 1Mose 15,13 und zusätzlich 1Mose 15,16:
13 Und er sprach zu Abram: Ganz gewiss sollst du wissen, dass deine Nachkommenschaft Fremdling sein wird in einem Land, das ihnen nicht gehört; und sie werden ihnen dienen, und man wird sie unterdrücken vierhundert Jahre lang.
16 Und in der vierten Generation werden sie hierher zurückkehren; denn ⟨das Maß der⟩ Schuld des Amoriters ist bis jetzt ⟨noch⟩ nicht voll.
In Abschnitt 5.1.1 hatte ich aufgezeigt, dass der Aufenthalt der Israeliten in Ägypten tatsächlich nur 215 Jahre dauerte. Die in Vers 13 genannten 400 Jahre beziehen sich somit – wie in Abschnitt 5.1.3 erläutert – auf den Zeitraum vom Entwöhnungsfest Isaaks im Alter von fünf Jahren bis zum Auszug aus Ägypten. Auch in den 185 Jahren, in denen Isaak und seine Nachkommen noch in Kanaan lebten, waren sie dort Fremdlinge, da ihnen das Land zu dieser Zeit noch nicht gehörte. Die Aussage über die Rückkehr der vierten Generation bezieht sich allerdings nicht auf diesen 400-Jahres-Zeitraum. Die Berechnung der Zeitdauer der vier Generationen bis zur Rückkehr nach Kanaan beginnt mit dem Wegzug Jakobs nach Ägypten, der 185 Jahre nach dem Beginn der 400-Jahres-Frist erfolgte, und endet nach der 40-jährigen Wüstenwanderung, also 40 Jahre nach dem Ende der 400-Jahres-Frist. Dass die Zeit bis zu einer Rückkehr normalerweise ab dem Wegzug gerechnet wird, lässt sich mit folgendem Beispiel verdeutlichen: Wenn ein junger Mensch beispielsweise ein sechs Jahre dauerndes Studium absolviert, davon zwei Jahre am Heimatort und anschließend vier Jahre in einer Stadt im Ausland, und anschließend noch eine sechsmonatige Weltreise unternimmt, so würde man nach seiner Rückkehr feststellen, dass er nach viereinhalb Jahren aus der Fremde zurückgekehrt ist. Die im Beispiel genannten sechs Jahre Studium (im Heimatort und in einer ausländischen Stadt) entsprechen den 400 Jahren, in denen die Israeliten als Fremdlinge an einem festen Wohnort (in Kanaan und Ägypten) lebten, während die sechs Monate der Weltreise für die Wüstenwanderung stehen. Die viereinhalb Jahre bis zur Rückkehr aus dem Ausland entsprechen den im Zitat genannten vier Generationen, die erst ab dem Wegzug Jakobs nach Ägypten zu zählen sind.
Eine Zeitdauer von nur vier Generationen für die 215 Jahre Zeit in Ägypten zuzüglich der 40 Jahre Wüstenwanderung scheint jedoch im Widerspruch zur großen Vermehrung des Volkes zu stehen. Zerbst geht daher – wie viele andere Ausleger auch – davon aus, dass der hier gebrauchte Begriff „Generation” nicht mit unserem modernen Begriff identisch ist.1 Betrachtet man jedoch die Abstammungsliste Levis in 2Mose 6,16-25 (grafische Darstellung siehe Anlage 7a), fällt auf, dass bei der Hohepriester-Linie tatsächlich die vierte Generation zurückkehrt. Levis Sohn Kehat wurde noch in Kanaan geboren und zog mit nach Ägypten. Er steht für die erste Generation. Dessen Sohn Amram wurde in Ägypten geboren und starb dort. Amrams Sohn Aaron zog mit dem Volk aus Ägypten aus, starb aber in der Wüste, sodass erst sein Sohn Eleasar – der Urenkel Kehats – als Hohepriester zusammen mit Josua nach Kanaan zurückkehrte (4Mose 20,23-26; Jos 14,1). Eleasar steht somit für die vierte Generation. Da der Hohepriester das Volk vor Gott vertrat, hat sich Jahwe in seiner Verheißung an Abraham auf diese Generationenfolge bezogen. Mit nur vier Gliedern hat sie nicht nur den 215-jährigen Ägyptenaufenthalt, sondern außerdem die 40-jährige Wüstenwanderung – also insgesamt 255 Jahre – überbrückt. Der Begriff „Generation“ im obigen Zitat kann somit in unserem heute gebräuchlichen Sinn verstanden werden. Für die große Vermehrung des übrigen Volkes waren allerdings mehr als vier Generationen notwendig. Wie der durchschnittliche Generationenabstand bei den Israeliten damals aussah und wie viele Generationen somit für die Überbrückung der 215 Jahre in Ägypten durchschnittlich benötigt wurden, wird in Abschnitt 5.4.3 untersucht.