Wie in Abschnitt 9.5.2.2 bereits festgestellt, wurden neben den für den Tempeldienst eingeteilten Leviten weitere Leviten gezählt, die mit anderen Aufgaben beauftragt wurden. Dazu zitiere ich nochmals 1Chr 26,30-32:
30 Von den Hebronitern waren Haschabja und seine Brüder, 1 700 tüchtige Männer, zur Aufsicht über Israel diesseits des Jordan nach Westen hin in allen Aufgaben für den HERRN und im Dienst des Königs ⟨eingesetzt⟩. – 31 Von den Hebronitern war Jerija das Oberhaupt – was die Hebroniter nach ihrer Generationenfolge und ihren Familien betrifft, so forschte man ⟨unter ihnen⟩ im vierzigsten Jahr der Königsherrschaft Davids, und es fanden sich unter ihnen angesehene Männer in Jaser in Gilead –, 32 und seine Brüder, 2 700 tüchtige Männer, waren Familienoberhäupter. Und der König David setzte sie über die Rubeniter und die Gaditer und den halben Stamm Manasse, für alle Angelegenheiten Gottes und für die Angelegenheiten des Königs.
Die Anzahl dieser Leviten wurde getrennt für die Siedlungsgebiete westlich und östlich des Jordans angegeben. Bei beiden Zahlen deutet die hohe Hunderter-Zahl von jeweils 700 und die niedrige Tausender-Zahl darauf hin, dass ÄLäPh hier tatsächlich „Tausend“ bedeutet. Insbesondere bei der ersten Zahl ist kaum eine andere Deutung vorstellbar. Weder „1 Gruppe mit 700 Mann“ noch „1 Einheit à 50 Mann und 700 Mann“ ergibt Sinn. Ich gehe deshalb davon aus, dass bei diesen beiden Zahlen ÄLäPh die Bedeutung „Tausend“ hat. David müsste demnach insgesamt 4.400 Leviten im gesamten Siedlungsgebiet Israels verteilt als Beauftragte des Königs eingesetzt haben. So viele Verwaltungsbeamte im Königsdienst dürfte er aber nicht annähernd benötigt haben und hätte er wahrscheinlich auch nicht bezahlen wollen. Es stellt sich daher erstens die Frage welche Aufgaben für Jahwe und den König sie ausgeübt haben könnten. Diese Frage hängt mit der zweiten Frage, welcher Personenkreis innerhalb der Leviten beauftragt wurde und der dritten Frage, welcher Altersgruppe diese Männer angehörten, zusammen.
Beginnen wir mit der ersten Frage nach den Aufgaben der 4.400 Leviten, die David über das Volk eingesetzt hat. Spätestens mit der endgültigen Ablösung der Stiftshütte durch einen Tempel fielen die Aufgaben des Auf- und Abbaus sowie des Transports der Stiftshütte weg. Für den Tempeldienst wurden insgesamt nur 1.900 Leviten benötigt, obwohl teilweise eine Einteilung in 24 Schichten erfolgte. Für die übrigen Leviten wäre eine Versorgung durch den Zehnten der zwölf Stämme eigentlich nicht mehr gerechtfertigt gewesen, wenn sie keine Aufgaben gehabt hätten. Es mussten daher Aufgaben im Dienst Jahwes gefunden werden, die diese Versorgung wieder rechtfertigten. Zur Klärung der Frage, welche Aufgaben dies gewesen sein könnten, können in späterer Zeit ausdrücklich erwähnte Aufgaben der Leviten beitragen. So wird beispielsweise in 2Chr 19,4-11 berichtet, dass Joschafat bei seinem Versuch, das Volk nach der Beseitigung der Götzenbilder wieder auf Jahwe auszurichten, im ganzen Land Richter einsetzte, die er auf das Gesetz Jahwes einschwor. Bezüglich Jerusalem wird ausdrücklich erwähnt, dass diese Richter aus dem Kreis der Leviten, Priester und Sippenoberhäupter ausgewählt wurden. Ein weiteres Beispiel für Aufgaben, mit denen Leviten betraut wurden, findet sich in Neh 8,7-8. Dort werden 13 Leviten namentlich genannt, die dem aus dem Exil zurückgekehrten Volk die aus dem Gesetz Gottes vorgelesenen Texte erläuterten und ihnen halfen, sie zu verstehen. Hier mussten in vielen Fällen auch die hebräischen Sprachkenntnisse wieder vertieft werden.
Auch Mose, der ebenfalls aus dem Stamm Levi stammte, hat auf dem Weg zum Sinai diese beiden Aufgaben, die Belehrung über das Gesetz und das Richten entsprechend diesem Gesetz, ausgeübt. Auf den Rat seines Schwiegervaters hin hat er diese Aufgaben dann an von ihm eingesetzte Richter übertragen. Ich zitiere dazu 2Mose 18,16+25-26:
16 Wenn sie eine ⟨Rechts⟩sache haben, dann kommt es zu mir, und ich richte zwischen dem einen und dem andern und gebe ⟨ihnen⟩ die Ordnungen Gottes und seine Weisungen bekannt.
25 So wählte Mose denn aus ganz Israel tüchtige Männer aus und machte sie zu Oberhäuptern über das Volk: Oberste von Tausend, Oberste von Hundert, Oberste von Fünfzig und Oberste von Zehn. 26 Diese sprachen dem Volk jederzeit Recht: ⟨Jede⟩ schwierige Sache brachten sie vor Mose, jede kleine Sache aber richteten sie selbst.
In Abschnitt 7.1.3.1 habe ich den Vorschlag begründet, dass schon Levi und mit ihm alle seine Nachkommen von Jahwe in besonderer Weise für seinen Dienst erwählt wurden. Levi hatte deshalb dafür gesorgt, dass seine Nachkommen über die zu seiner Zeit schon bekannten Gebote Jahwes belehrt wurden. Dadurch waren sie stärker auf Jahwe ausgerichtet, als das übrige Volk. Dies zeigte sich beim Gericht wegen des Goldenen Kalbs, als sich auf den Ruf „Her zu mir, wer für Jahwe ist“, alle Söhne Levis versammelten und das Gericht an den Götzenanbetern durchführten. Da Mose schon vor dem Auszug offenbart worden war, dass die von Jahwe als sein Eigentum beanspruchten männlichen Erstgeborenen nicht persönlich in seinen Dienst treten, sondern ausgelöst werden sollten – was dann im Zusammenhang mit der Einweihung der Stiftshütte durch die Leviten geschah –, gehe ich davon aus, dass Mose von der Erwählung der Leviten schon vor dem Auszug wusste (siehe 7.1.3.2). Die Schlussfolgerung liegt deshalb nahe, dass er, wie Joschafat, neben den jeweiligen Stammesältesten aus allen Stämmen auch Leviten für das Amt des Richters herangezogen hat.
Wie Mose sah König David es sicherlich als seine Aufgabe an, das Volk durch Belehrungen im Gesetz auf Jahwe auszurichten und eine dem Gesetz Jahwes verpflichtete niedere Gerichtsbarkeit in allen Städten Israels sicherzustellen. Wenn David die genannten 4.400 Leviten mit diesen Aufgaben betraut hätte, wäre es nachvollziehbar, dass über sie gesagt wird, sie hätten im Dienst Jahwes (= des Herrn) und des Königs gestanden. Man kann also annehmen, dass diese Leviten die in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich lebenden Israeliten regelmäßig aufsuchten, um sie über das Gesetz Jahwes zu belehren und Gerichtstage abzuhalten. Wie bei Mose, der Richter über zehn, fünfzig, hundert und tausend einsetzte und nur die schwierigsten Fälle selbst entschied, gab es sicher auch bei David irgendeine Art von Hierarchie. In letzter Instanz konnte dann der oberste Gerichtshof angerufen werden, dessen Mitglieder dem Tempeldienst zugeordnet waren (siehe 9.5.5.3). Es ist sogar denkbar, dass David anordnete, alle Jungen im Lesen zu unterrichten, damit sie das Gesetz selbst lesen konnten. Diese in der Zeit Jesu und bis heute unter orthodoxen Juden übliche Praxis hätte ihren Ursprung dann schon in der Zeit Davids und Salomos, wobei sie aber in der Regierungszeit späterer teilweise gottloser Könige eingeschlafen sein dürfte. Durch Leseunterricht, die Erklärung des gelesenen Gesetzes und die Ausübung der niederen Gerichtsbarkeit nach dem Gesetz Jahwes zusammen mit den Sippenältesten in allen Städten der Israeliten hätten die Leviten eine Art Wachdienst für das Volk ausgeübt, damit es nicht von Jahwe abfällt und dadurch dessen Zorn über sie kommt. Analog zur Verteilung der Tiere und Jungfrauen aus der Midianiterbeute sowohl an die in der Stiftshütte diensttuenden Leviten als auch an alle übrigen Leviten, die den Wachdienst rund um die Stiftshütte ausübten (4Mose 1,53; siehe 8.4.3.5), wäre hier durch diesen anders gearteten geistlichen Wachdienst die Versorgung der damit beauftragten Leviten mit dem Zehnten aus dem Ernteertrag der zwölf Stämme gerechtfertigt gewesen.
Dieser Gedanke bringt uns zur zweiten Frage: Welcher Personenkreis innerhalb der Leviten wurde beauftragt? Im zitierten Text werden dreimal die Hebroniter erwähnt. Bei dieser Sippe der Leviten handelt es sich um die Nachkommen des ältesten Sohnes von Kehat, einem Sohn Levis. Bei der Zählung der Leviten am Sinai wurden nach den drei Söhnen Levis – Kehat, Gerschon und Merari – drei Vaterhäuser der Leviten benannt. Diese wurden wiederum nach den Enkeln Levis in Sippen eingeteilt (siehe 7.3.4.4). Die Hebroniter bildeten dabei eine von vier Sippen im Vaterhaus Kehat. Das gesamte Vaterhaus Kehat umfasste bei der Zählung am Sinai 3.600 männliche Mitglieder ab einem Monat und älter (siehe 7.1.4). Davon entfielen nur etwa 85 Männliche auf die drei Sippen der spätgeborenen, jüngeren Söhne. Die Sippe der Hebroniter hatte somit zu dieser Zeit etwa 3.515 männliche Mitglieder im Alter von einem Monat und älter (siehe 7.1.6 und Anlage 19). Dies entsprach rund (3.515 ÷ 1,7358 =) 2.025 Hebronitern im wehrfähigen Alter, das damals von 20 bis 75 Jahren reichte (siehe 7.1.5.1 sowie Anlage 14, Tab. 17a und Anlage 17, Tab. 21) Bei der Zählung am Sinai ergaben sich demnach für den ganzen Stamm der Leviten (10.300 ÷ 1,7358 =) 5.934 Männer dieser Altersgruppe. Die Hebroniter hatten somit damals einen Anteil von rund einem Drittel am gesamten Stamm der Leviten.
Aus der Sippe der Hebroniter stammten Heschabja, der Vorsteher der 1.700 westlich des Jordans eingesetzten Leviten, und Jerija, der den 2.700 Leviten östlich des Jordans vorstand. Die unterstellten Leviten werden jeweils als „Brüder“ ihres Vorstehers bezeichnet. Die Frage ist nun, ob damit Angehörige der gleichen Sippe der Hebroniter oder „Stammesbrüder“ – also Männer aus dem ganzen Stamm Levi – gemeint waren. In der oben zitierten deutschen Übersetzung von Vers 30 entsteht durch das eingefügte Hilfsverb „⟨waren⟩“ im Plural bei der ersten Zahl der Eindruck, dass sowohl der Vorsteher als auch die 1.700 Brüder aus den Hebronitern stammten. Diese Deutung ist aber keineswegs zwingend. Im hebräischen Grundtext handelt es sich bei 1Chr 26,30 um einen Nominalsatz ohne Verb bzw. je nach Deutung um zwei aneinandergereihte Nominalsätze. Da es im Deutschen keine Nominalsätze gibt, müssen jeweils Hilfsverben eingefügt werden. Man könnte – analog zu 1Chr 26,31a+32a in der Elberfelder Übersetzung – in Vers 30 genauso gut wie folgt übersetzen (Änderungsvorschläge gegenüber der Elberfelder Übersetzung sind blau gekennzeichnet):
30 Von den Hebronitern ⟨waren⟩ ⟨war⟩ Haschabja, und seine Brüder, 1 700 tüchtige Männer, ⟨waren⟩ zur Aufsicht über Israel diesseits des Jordan nach Westen hin in allen Aufgaben für den HERRN und im Dienst des Königs ⟨eingesetzt⟩.1
31 Von den Hebronitern ⟨war⟩ Jerija das Oberhaupt … 32 und seine Brüder, 2 700 tüchtige Männer, ⟨waren⟩ Familienoberhäupter. …2
1 Vers 30: Elberfelder 2000 mit Korrekturvorschlägen von M.K.
2 Vers 31+32: Elberfelder 2000 mit Ergänzung der fehlenden Kennzeichnung der dort eingefügten Hilfsverben durch eckige Klammern entsprechend dem Standard der Elberfelder 2000
Gemäß Vers 31b (siehe Zitat weiter oben) fanden sich zwar neben dem Vorsteher Jerija weitere angesehene Männer unter den Hebronitern im Land Gilead (östlich des Jordans). Die in Vers 32 genannten 2.700 Brüder werden jedoch ebenfalls nicht alle ausdrücklich als Hebroniter bezeichnet. In Vers 32 ergibt sich durch den Zusatz, dass diese Brüder Familienoberhäupter „waren“ – die beiden eingefügten Hilfsverben „war“ und „waren“ in Vers 32a sind in der Elberfelder fälschlicherweise nicht als Einfügung gekennzeichnet – ebenso ein zweiter eigenständiger Satz, wie in meinem Übersetzungsvorschlag von Vers 30b. Bei beiden Zahlenangaben können daher mit dem Begriff „Brüder“ tatsächlich Stammesbrüder aus allen Sippen der Leviten gemeint sein. Der Bibeltext steht also dem Gedanken, dass in dem hier erwähnten Dienst für den König alle für den Tempeldienst nicht benötigten Leviten eine Aufgabe im Dienst Jahwes fanden, nicht entgegen.
Damit kommen wir nun zur dritten Frage nach der Altersgruppe, auf die sich die Anzahl der über das ganze Volk eingesetzten Leviten bezog. Da kein Dienst im Heiligtum vorlag, ist die dort geltende Einschränkung auf die 30- bis 50-Jährigen hier nicht relevant. Gemäß 1Chr 23,27 hatte David später verfügt, dass alle Söhne Levis von 20 Jahren und darüber gezählt wurden. Bei 20 Jahren lag auch das frühestmögliche Heiratsalter (siehe 5.4.1). Da nur Familienoberhäupter im Dienst des Königs eingesetzt wurden, sind in den Zahlen die noch nicht verheirateten über 20-Jährigen nicht enthalten. Weil für diesen Dienst im Auftrag des Königs keine großen körperlichen Kräfte benötigt wurden, es dafür aber auf geistliche Autorität und Lebenserfahrung ankam, konnten auch über 60-Jährige, die noch entsprechend leistungsfähig waren, eingesetzt werden. Vereinfachend gehe ich davon aus, dass sich die Zahl der eingesetzten über 60-Jährigen und die Zahl der noch nicht eingesetzten (noch unverheirateten) über 20-Jährigen ungefähr die Waage hielt. Damit entsprach die angegebene Zahl der tatsächlich im Königsdienst stehenden der Zahl aller 20- bis 60-Jährigen, die nicht für den Tempeldienst eingeteilt waren. Diese 4.400 Männer entsprachen zusammen mit den 1.900 für den Tempeldienst eingeteilten Leviten dann der Anzahl aller 20- bis 60-jährigen Leviten. Für eine Hochrechnung auf alle Männlichen können damit dieselben Hochrechnungsfaktoren angewendet werden, wie bei den 20- bis 60-jährigen Wehrfähigen der zwölf Stämme. Insgesamt ergibt sich somit eine Gesamtzahl aller Leviten im Alter von 20 bis 60 Jahren von (1.900 + 4.400 =) 6.300 Mann. Gegenüber der durchschnittlichen Anzahl von 4.000 Männern dieser Altersgruppe pro Stamm bei den zehn Stämmen, wären dies 1,58-mal so viele Leviten, was auf den ersten Blick als recht hoch erscheint.
Bei der Zählung am Sinai war die Zahl der 20- bis 75-jährigen Leviten mit 5.934 Mann jedoch sogar rund dreimal so groß wie der Durchschnitt der Wehrfähigen je Stamm bei den zwölf Stämmen. Dieser lag bei (23.550 ÷ 12 =) 1.962 Männern (siehe 3.1). Man müsste also annehmen, dass das Bevölkerungswachstum bei den Leviten in der Zwischenzeit deutlich geringer ausgefallen ist. Für diese Annahme gibt es tatsächlich plausible Gründe. Da die Leviten für den Dienst Jahwes abgeordnet waren, hatten sie keine eigenen Felder für den Getreideanbau oder Weinberge erhalten, sondern nur Städte mit den unmittelbar umliegenden Weidegründen als Wohnsitz. Ihre Ernährung sollte durch den vom übrigen Volk aus allen Ernteerträgen abzuführenden Zehnten sichergestellt werden. Das Volk fiel jedoch während der Richterzeit immer wieder von Jahwe ab. Es ist daher naheliegend anzunehmen, dass auch die Versorgung der Diener Jahwes nicht sehr zuverlässig erfolgte und sie sich deshalb weniger stark vermehrten als die übrige Bevölkerung. Würde man dagegen annehmen, dass mit den genannten 4.400 Männern nur Hebroniter gemeint waren, dann würden – wenn der Anteil der Hebroniter wie am Sinai etwa ein Drittel des Stammes Levi betragen hätte – auf die übrigen Sippen rund 8.800 Männer entfallen, von denen nur 1.900 im Tempeldienst Verwendung fanden. Dies halte ich ebenso wie eine Gesamtzahl von 13.200 Leviten im Alter von 20 bis 60 Jahren für nicht plausibel.
Abschließend können wir somit festhalten, dass vieles dafür spricht, dass die im alttestamentlichen Text genannten Zahlen von insgesamt (1.900 + 4.400 =) 6.300 Männern alle Leviten über 20 Jahren umfassten, die schon eine Familie gegründet hatten und noch nicht aus Altersgründen aus dem Dienst des Königs ausgeschieden waren. Von dieser Annahme gehe ich deshalb bei den weiteren Berechnungen zur Plausibilisierung der 70.000 Seuchenopfer aus.