Zur Erklärung der gravierend unterschiedlichen Ergebniszahlen in den beiden Parallelberichten über die Volkszählung Davids habe ich in den vorausgehenden Abschnitten die folgenden drei Thesen aufgestellt und begründet:
- 1Chr 21,5b nennt die Mann-Zahlen vor der Seuche.
- 2Sam 24,9b gibt die Mann-Zahlen nach der Seuche an.
- Die Zahlen Benjamins fehlen bei den Zahlen vor der Seuche und sind bei den Zahlen nach der Seuche in der Zahl Judas enthalten.
Damit lässt sich erklären, warum in 2Sam 24,9b die Zahlen Israels deutlich niedriger und die Zahlen Judas geringfügig höher sind als in 1Chr 21,5b. Es besteht jedoch noch ein weiteres Deutungsproblem. Dazu zitiere ich nochmals die beiden Verse mit den Ergebniszahlen der Zählung:
1Chr 21,5b … Und zwar gab es in ganz Israel 1 100 000 Mann, die das Schwert zogen, und in Juda 470 000 Mann, die das Schwert zogen.
2Sam 24,9b … Und zwar gab es in Israel 800 000 Wehrfähige, die das Schwert zogen, und die Männer von Juda waren 500 000 Mann.
Bei der im Zitat angegebenen konventionellen Übersetzung ergeben sich bei der ersten Zählung 1.100.000 Wehrfähige für die zehn Stämme und 470.000 für Juda, insgesamt somit 1.570.000 Mann. Da der Stamm Benjamin bei der ersten Zählung nicht erfasst wurde, muss für diesen ein Schätzwert hinzugerechnet werden. Hierfür bietet sich der Durchschnittswert der zehn Stämme, also 110.000 Mann, an. Damit ergibt sich eine Gesamtzahl von 1.680.000 Mann zum Zeitpunkt der ersten Zählung. Bei den um die Seuchenopfer reduzierten Zahlen, bei denen Benjamin in den Zahlen Judas enthalten ist, sind es insgesamt (800.000 + 500.000 =) 1.300.000 Mann. Die Differenz beträgt 380.000 Mann. So viele Männer müssten an der Seuche gestorben sein. Im Bibeltext werden jedoch nur 70.000 Seuchenopfer angegeben, was weniger als ein Fünftel der tatsächlichen Differenz ist. Die restliche Differenz von 310.000 Mann lässt sich bei einem Abstand von wahrscheinlich nur wenigen Monaten bis zur zweiten Zählung nicht erklären. Wenn man den o.g. drei Thesen folgt, führt die Beibehaltung der großen Zahlen somit zu einem innerbiblischer Widerspruch, der nicht lösbar ist. Eine Deutung als „Tausender” bei den in den Zahlen der Wehrfähigen enthaltenen ÄLäPh ist daher mit Sicherheit ausgeschlossen.
Bei einer Neubewertung der ÄLäPh als Einheiten à 50 Mann ergeben sich bei der ersten Zählung 55.000 Wehrfähige für die zehn Stämme und 23.500 für Juda, insgesamt somit 78.500 Mann (1Chr 21,5; siehe 9.5.1). Unter Hinzurechnung des Durchschnittswerts der zehn Stämme von 5.500 Mann für Benjamin ergibt sich eine Gesamtzahl von 84.000 Mann zum Zeitpunkt der ersten Zählung. Bei den um die Seuchenopfer reduzierten Zahlen sind es insgesamt 65.000 Mann. Die Differenz beträgt 19.000 Mann. Wertet man die Angabe „70 ÄLäPh“ bei den Seuchenopfern ebenfalls als Einheiten à 50 Mann, kommt man auf (70 x 50 =) 3.500 Mann. Es ergibt sich das gleiche Problem wie oben bei den großen Zahlen dargestellt. Die angegebene Zahl der Seuchenopfer ist kleiner als ein Fünftel der tatsächlichen Differenz zwischen den Mann-Zahlen aus den beiden Zählungen. Bei den Opferzahlen kann eine Deutung der ÄLäPh als Einheiten also mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Behält man bei den Opferzahlen hingegen die Deutung der ÄLäPh als „Tausender“ und damit eine Anzahl von 70.000 bei, so sind die angegebenen Opferzahlen höher als die Differenz bei den neubewerteten Zahlen der wehrfähigen Männer. Dies lässt sich damit erklären, dass nicht nur wehrfähige Männer, sondern auch Kinder und alte Menschen bei der Seuche ums Leben gekommen sind. Die traditionelle Deutung von „ÄLäPh“ als Zahlwort 1.000 und die daraus folgende Anzahl von 70.000 ist somit bei den Seuchenopfern korrekt.
Die Größe der Kampftruppen des israelitischen Heeres in der Königszeit wurde im Alten Testament weit überwiegend in Einheiten zu je 50 Mann angegeben. Dies werde ich in Abschnitt 9.6 mit weiteren Beispielen belegen. Bei großen Zahlen im Zusammenhang mit anderen Themen wurde die aus den Heereseinheiten entstandene Zähleinheit 50 allerdings nicht genauso einheitlich verwendet. So werden beispielsweise bei den Tributleistungen der Moabiter an König Ahab von Israel die jeweils 5.000 Lämmer und Widder in 100 Einheiten à 50 Tiere (konventionell 100.000) ausgedrückt, während beim Tribut der Philister an König Joschafat von Juda wenige Jahre vorher die jeweils 7.700 Böcke und Widder in Zahlen des Zehnersystems angegeben wurden (siehe 8.4.2.1). Dass die Seuchenopfer nicht in Zähleinheiten à 50 angegeben werden, kann deshalb als Beleg dafür gewertet werden, dass sich die Zahl 70.000 nicht nur auf umgekommene wehrfähige Männer bezieht.
Da die 70.000 Seuchenopfer das 3,7-fache der Differenz zwischen den Wehrfähigen vor und nach der Seuche betragen, kann die Zahl der Seuchenopfer nicht nur Männer umfasst haben. Ein so hoher Faktor kann nur erreicht werden, wenn zu den gestorbenen Wehrfähigen neben den umgekommenen männlichen Kindern und Alten auch die gestorbenen Frauen hinzugerechnet werden. Es muss deshalb geprüft werden, ob diese Schlussfolgerung mit den Angaben im Bibeltext vereinbar ist. Die Zahl der Seuchenopfer ist im Bibeltext an den folgenden beiden Stellen angegeben:
2Sam 24,15b … Und es starben von dem Volk, von Dan bis Beerscheba, 70 000 Mann.
1Chr 21,14b … und es fielen von Israel 70 000 Mann.
An beiden Stellen steht für „Mann“ das hebräische Wort אִישׁ (°Isch). Dieses Wort wird als Geschlechtsbezeichnung für „Mann“ sowie – ebenso in der Singularform – für ein Kollektiv von mehreren Männern (wie im Deutschen „1.000 Mann“) verwendet. Daneben wird es für „jeder“, „Ehemann“ oder „(irgend-)einer“ und weitere seltenere Bedeutungen gebraucht. Es liegt also ein sehr breites Bedeutungsspektrum vor. An einigen Stellen kommt außerdem die Bedeutung „menschliches Wesen“ vor – meist in Gegenüberstellung zu Gott, beispielsweise in 4Mose 23,19: „Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge …“.1 Bei dieser Bedeutungsvariante sind Frauen eingeschlossen. Das hebräische Wort für „Frau“, das mit dem Wort für „Mann“ sprachlich eng verwandt ist, lautet אִשָּׁה (I̊SchaH).2 Es weicht von אִישׁ (°Isch) nur dadurch ab, dass der Vokal „i“ nicht mit dem Vokalbuchstaben י (JoD) in der Konsonantenschrift sichtbar gemacht wird und die Endsilbe ָה(aH) angefügt ist. Letztere dient bei Substantiven häufig als Femininum-Endung – ähnlich wie im Deutschen die Endung „-in“.
Der Gedanke, dass der Begriff אִישׁ (°Isch; Mann) auch bei den durch die Seuche Umgekommenen als Oberbegriff für Mann und Frau gedient haben könnte, ist also gar nicht so abwegig. Hier würde dann das gleiche Prinzip vorliegen wie im Deutschen, wo bei vielen Substantiven, die eine männliche und weibliche Form haben, die männliche Form zur Bezeichnung des Plurals bei gemischtgeschlechtlichen Gruppen herangezogen wird. Ein Beispiel dafür ist der Begriff „Lehrer“, zu dem es die weibliche Form „Lehrerin“ gibt. Die männliche Pluralform „(die) Lehrer“ wird hier für rein männliche oder gemischtgeschlechtliche Gruppen verwendet, die weibliche Pluralform „Lehrerinnen“ hingegen nur für rein weibliche Gruppen. Angestoßen von der feministischen Bewegung wird im deutschen Sprachraum allerdings seit einigen Jahrzehnten versucht, diesen jahrhundertelangen Sprachgebrauch durch eine sogenannte „geschlechtergerechte Sprache“ zu ersetzen.
Betrachten wir zum Vergleich, wie Gruppen von umgekommenen Menschen an anderen Stellen im Alten Testament bezeichnet wurden:
- Die Zahl der 11 ÄLäPh und 1 ÄLäPh getöteten Männer und Frauen bei der Eroberung der Stadt Ai (11 x 50 Männer und 1.000 Frauen, siehe 4.4.3) wird mit der Bezeichnung
מֵאִישׁ וְעַד־אִשָּׁה (Me°ISch WöAD I̊SchaH), wörtlich: „vom Mann und bis (zur) Frau“, erläutert (Jos 8,25). - Bei der Angabe der 3.000 Philister, die sich zum Zeitpunkt des Einsturzes des Dagon-Tempels bei Simsons Tod auf dessen Dach befanden, wird die Bezeichnung אִישׁ וְאִשָּׁה (°ISch WöI̊SchaH), „Mann und Frau“, verwendet (Ri 16,27, siehe 4.7).
- Ohne jeden Zusatz werden die Zahlen bei zwei Gerichten Gottes über Israel mit 14 ÄLäPh 700 bzw. 24 ÄLäPh Toten angegeben, sodass nur aus dem Kontext auf das Geschlecht der Toten geschlossen werden kann (4Mose 17,14; 4Mose 25,9, siehe 8.1.1 und 8.1.2).
Eine durchgängig gleiche Bezeichnung ist somit nicht zu erkennen. Man könnte annehmen, dass ein Hinweis auf getötete Frauen vor allem dann aufgenommen wurde, wenn es nicht selbstverständlich war, dass auch Frauen betroffen waren. Im Krieg fallen in erster Linie Männer, und auch beim Gottesdienst waren Frauen in Israel nicht gleichberechtigt. Somit ist der Hinweis auf Frauen unter den Toten im Dagon-Tempel nachvollziehbar. Bei einer Seuche ist es jedoch selbstverständlich, dass Männer und Frauen betroffen sind. Vor diesem Hintergrund nehme ich an, dass bei den Seuchenopfern „אִישׁ (°Isch)“ im Sinne von „Menschen“ verwendet wurde. Da die gravierende Auswirkung des Gerichts Gottes hervorgehoben werden sollte, wäre es auch wenig sinnvoll gewesen, nur die getöteten Männer anzugeben. Wie ich in den folgenden Abschnitten zeigen werde, passt eine Anzahl von 70.000 umgekommenen Menschen gut zu den neubewerteten Zahlen der gemusterten Männer. Eine Neubewertung der Opferzahlen ist somit nicht erforderlich. Der Begriff ÄLäPh ist hier als Zahl 1.000 zu verstehen. Es gab also tatsächlich 70.000 durch die Seuche gestorbene Männer, Frauen und Kinder.
Wenn alle Toten aus Israel erfasst wurden, müssen darin auch die Seuchenopfer der verstreut im übrigen Volk lebenden Leviten enthalten sein. Die Zahlenangaben zu den Leviten untersuche ich in den folgenden Abschnitten.