Zur Begründung der ersten beiden Thesen, nach denen 1Chr 21,5 die Zahlen vor und 2Sam 24,9b die Zahlen nach der Seuche angibt, untersuche ich zunächst eine Aussage in 1Chr 27,24:
24 Joab, der Sohn der Zeruja, hatte zu zählen begonnen, aber er vollendete es nicht, denn es kam wegen dieser Sache ein Zorn über Israel. Und so wurde die Zahl nicht in die Aufzählung des Buches der Geschichte6 des Königs David aufgenommen.
6 w. des Buches der Begebenheiten der Tage
Das hebräische Wort מִּסְפָּר (MiSPaR) wird üblicherweise mit „Zahl“ übersetzt. In Ri 7,15 wird es aber auch für die „Erzählung“ eines Traums des von Gideon belauschten Midianiters verwendet. Dieses Wort kann somit auch „Erzählung“ bedeuten.1 Im zitierten Vers steht dieses Wort zweimal, zuerst mit Artikel und direkt danach mit der Präposition „in“ (בְּ. Bö) – hier in der Constructus-Form מִסְפַּר (MiSPaR mit kurzem „a“). Es wird einmal mit „Zahl“ und einmal mit „Aufzählung“ übersetzt, was zu dem Ergebnis führt, dass die Zahl der Wehrfähigen nicht in das „Buch der Geschichte des Königs David“ aufgenommen wurde. Übersetzt man aber beide Male mit „Erzählung“, so ergibt sich, dass die gesamte Erzählung (über die Volkszählung) nicht in die „Erzählung der Geschichte des Königs David“ übernommen wurde.
Nun wäre zu klären, was mit der „Erzählung der Geschichte des Königs David“, in die der Bericht über die Volkszählung nicht aufgenommen wurde, gemeint ist. Dazu zitiere ich 1Chr 27,24b nochmals auf Hebräisch mit deutscher Umschrift und einer eigenen wörtlichen Übersetzung:
וְלֹ֤א עָלָה֙ הַמִּסְפָּ֔ר בְּמִסְפַּ֥ר דִּבְרֵֽי־הַיָּמִ֖ים לַמֶּ֥לֶךְ דָּוִֽיד … 24b
24b … WöLo° ÃLaH HaMiSPaR BöMiSPaR DiBhReJ HaJaMIM LaMäLäKh DaWID
24b … und nicht kam die Erzählung (über die Volkszählung) in die Erzählung der Begebenheiten der Tage des Königs David.
Die hier mit „Begebenheiten der Tage“ übersetzte hebräische Phrase דִּבְרֵי־הַיָּמִים (DiBhReJ-HaJaMIM) setzt sich aus zwei Wörtern zusammen. Das erste ist die Plural-Constructus-Form des Substantivs דָּבָר (DaBhaR) und bedeutet „Worte“ oder auch „Sachen/Sachverhalte“.2 Von der zweiten Bedeutung her kann es mit „Ereignisse“ oder „Begebenheiten“ übersetzt werden. Das zweite Wort ist die Pluralform des Wortes יוֹם (JOM), das Tag bedeutet. Erzählt werden also die Begebenheiten, die sich in den Tagen des Königs David ereigneten, oder kurz die „Geschichte“ oder „Chronik“ des Königs David. Die Phrase דִּבְרֵי־הַיָּמִים (DiBhReJ-HaJaMIM) ist auch der hebräische Titel der beiden Chronik-Bücher und bedeutet dort ganz allgemein „Geschichte“ oder „Chronik“. In 1. Chronik wird zwar ab Kapitel 11 auch über König David berichtet, die ersten zehn Kapitel enthalten jedoch diverse Berichte und Namenslisten aus früherer und späterer Zeit. Deshalb wäre der Titel „Geschichte des Königs David“ zu eng gefasst. Da das o.g. Zitat zudem selbst im 1. Chronik-Buch steht, kann es nicht auf dieses verweisen. Als hebräische Bezeichnungen der alttestamentlichen Geschichtsbücher kommen der Name des Verfassers (z.B. Josua), der Name oder die Bezeichnung der beschriebenen Hauptperson(en) (z.B. Rut bzw. Könige) oder die ersten Worte des Buches (z.B. BöReSchiT = „Im Anfang“ für 1Mose) vor. Lediglich die Chronikbücher haben ganz allgemein den Begriff „Geschichte“ als Namen. Das schließt jedoch nicht aus, dass auch andere Geschichtsbücher neben ihrem eigentlichen, im Alten Testament verwendeten Namen mit diesem Oberbegriff bezeichnet wurden.
Es liegt nahe, dass mit der „Erzählung der Geschichte des Königs David” das 2. Samuel-Buch gemeint ist. Dieses schildert die wichtigsten Ereignisse im Leben Davids von seiner Einsetzung als König bis einige Jahre vor seinem Tod. Über die Volkszählung wird dort im letzten, dem 24. Kapitel, berichtet. Zuvor wird in 2Sam 22 ein Psalm Davids wiedergegeben, in dem er Gott dafür lobt, dass er ihn vor all seinen Feinden und aus der Hand Sauls gerettet hat. Danach folgt in 2Sam 23,1-7 ein Bekenntnis Davids zu dem Gott Israels. Anschließend werden die Namen seiner Helden und deren Taten in der Vergangenheit aufgeführt, durch die sie ihren Ruhm begründet hatten. Dies wirkt wie der abrundende Schluss dieses Buches, das David noch zu seinen Lebzeiten gewidmet wurde.3 Das Kapitel 24 mit der Erzählung über die Volkszählung wirkt danach wie ein später hinzugefügter Anhang. Dieser Eindruck wird durch den Parallelbericht in 1Chr 21 bestätigt. Dort werden unmittelbar vor dem Bericht über die Volkszählung in 1Chr 20,4-8 drei Kriege gegen die Philister geschildert, die auch in 2Sam 21,18-22 beschrieben werden. Sie stellen die letzten geschichtlichen Berichte vor dem abrundenden Schluss dar. Direkt nach diesen Berichten und vor dem abrundenden Schluss müsste man den Bericht über die Volkszählung eigentlich erwarten.
Um die oben zitierte Aussage aus 1Chr 27,24 zu erklären, müsste man folgende Annahmen treffen:
- Die Aussage in 1Chr 27,24 und die Zahlen der Wehrfähigen in 1Chr 21,5 wurden zeitnah zur ersten Volkszählung mit den ursprünglichen Ergebnissen aus der Zeit vor der Seuche niedergeschrieben (für einen entsprechenden biblisch gut begründbaren Vorschlag für eine frühe Entstehung des 1. Chronik-Buchs, das lediglich später noch Ergänzungen erhalten hat, siehe 14.4.4.2).
- Zu dieser Zeit lag das zweite Samuel-Buch (= die „Erzählung der Geschichte des Königs David“), das von Vertretern der von Samuel begründeten Prophetenschule (1Sam 19,20) verfasst wurde, ohne den Anhang mit der „Erzählung“ über die Volkszählung (1Sam 24) schon vor und war dem Verfasser des 1. Chronik-Buchs bekannt. Das 2. Samuel-Buch wurde mit den Schlusswidmungen der Kapitel 22 und 23 einige Jahre vor Davids Tod abgeschlossen und veröffentlicht.
- Als Begründung für die Nichtaufnahme der Erzählung über die Volkszählung im 2. Samuel-Buch war in 1Chr 27,24 angegeben worden, dass die Zählung wegen Gottes Zorn nicht vollendet wurde. Nach der Besänftigung von Gottes Zorn und der Vollendung der Zählung – d.h. nach der Aktualisierung der Zahlen nach der Seuche und der Zählung Benjamins – wurde die Erzählung mit den aktualisierten Zahlen dem im Archiv der Prophetenschule vorliegenden 2. Samuel-Buch als Anhang angefügt, ohne dass der Verfasser des 1.Chronikbuches davon Kenntnis hatte.4
Unter diesen Voraussetzungen können die ersten beiden Thesen aus Abschnitt 9.5.3 bestätigt werden. Die insgesamt höheren Zahlen in 1Chr 21,5 wurden ursprünglich bei der Volkszählung durch Joab erhoben. Bei den Zahlen in 2Sam 24,9 sind die bei der Seuche Umgekommenen bereits abgezogen.
1 Vgl. Gesenius: Hebräisches Handwörterbuch, S. 704, מִּסְפָּר
2 Vgl. Gesenius: Hebräisches Handwörterbuch, S. 239f, דָּבָר: […] I. Wort, Rede […] II. […] 1. Begebenheiten […] 2. Tun, Geschäft, Verkehr […] 3. Sache, Angelegenheit […]
3 Die Einsetzung Salomos noch durch David sowie Davids Tod werden erst in 1Kön 1 und 1Kön 2,1-12 in einem neuen Buch geschildert, das Salomo gewidmet ist und deshalb mit der Geschichte seiner Einsetzung als König beginnt. Dieses Buch ist die Fortsetzung des 2. Samuel-Buchs und wurde wie dieses ebenfalls von Vertretern der Prophetenschule verfasst (ausführliche Begründung siehe 14.4.5).
4 Zur Frage, wann dies erfolgt sein könnte und durch welchen Chronisten, nehme ich in Abschnitt 14.4.3 ausführlich Stellung.